«Umverteilig zu üs» im Soundcheck
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«Umverteilig zu üs» im Soundcheck

Ziemlich pumpend und von der ersten Zeile an verdammt sozialkritisch startet das Album von Chaostruppe mit «D Wäut oder niemer». Die unterschiedlichen MCs bringen viel Abwechslung in den Song. Ein wenig klingt es wie ein fetter Cypher, den die Crew hier auf die Beine gestellt hat. Über sechs Minuten lang ist der Opener, fühlt sich aber sehr viel kurzweiliger an.


«Gold Chain» ist im Vergleich zur epischen Eröffnungshymne sehr viel moderner und auch elektronischer gestaltet. Der Eröffnungspart von der Dame «Sophie» in der Herrenrunde lässt einige männliche Schweizer Rapper augenblicklich doch ziemlich alt aussehen. Ich persönlich fühle mich bei diesem Lied vor allem vom dritten, aggressiven Part sehr gut unterhalten. Ich weiss zwar nicht von wem er stammt, aber ich feiere ihn extrem ab, weil er nicht so klassisch und nach «schon hundert Mal ähnlich gehört» klingt. Weiter so!

Die Berner Grossformation zelebriert das Chaos und hat doch ziemlich viel zu erzählen. Im Banger «Goliath» zeigen sie mit dem Finger nicht nur auf Missstände, sondern nehmen sich auch selber nicht in Schutz. Ab und zu ist es nicht wirklich einfach die Welt zu verändern, doch auf Gedanken folgen oft Taten und diese können die Welt aus den Angeln heben.


«Krisesitzig (Skit)» ist Comedy pur und porträtiert wundervoll, wie wenig mit Musik heute noch verdient werden kann.


«Umverteilig» ist der Titeltrack und stellt vor, was auf der Welt falsch läuft. Wenn wenige viel besitzen, ist die Armut von vielen gross. Da die Berner das Thema hier humorvoll und ein wenig übertrieben nachzeichnen, kommt die Botschaft eventuell auch bei denjenigen an, die sich sonst nicht mit Abzockern beschäftigen. Gelungen!


«Tuusig Farbe» geht mit einem Beat an den Start, der klingt wie ein Audio-Drogentrip. Das hier ist ein Liebeslied an die Qultur Hip Hop, welche das Leben der Protagonisten farbiger gestaltet und als Ventil dient. Lustigerweise muss ich bei Parts von Migo immer an die «illegale Elefantenkämpfe» denken, welchen er im Greis-Song «Hünd» ein Denkmal gesetzt hat. Doch zurück zum Song: Die hier mit Texten gezeichneten Bilder lösen bei mir ebenfalls einen Schwall an Erinnerungen aus. Das Musizieren mit Seelenverwandten kann das eigene Leben unheimlich bereichern und wie die Chaostruppe diese Magie in Zeilen packt, berührt jede und jeden Kreative/n.


«Verlore» ist eine wahre Wohltat für meine Ohren. Der Old-School-Beat inklusive Sample wäre einer, über den ich noch so gerne rappen würde. Der etwas chaotische Track bounct ziemlich solide, lässt mich nicken und die immer wieder überraschenden Metaphern von Sophie und ihren Herren flashen mich total. Der aggressive Refrain könnte live für einen kompletten Abriss sorgen. Fett!


«Loufband» klingt im Vergleich zu seinem Vorgänger ziemlich lustig. Ich liebe, dass die Crew trotz viel Ernsthaftigkeit und Weltschmerz immer wieder beschwingte Zwischennoten findet und nach allem klingen kann, ausser nach belangloser Eintönigkeit. Dieser Song hier wäre sonst noch ziemlich passend als Soundtrack für den täglichen Sport in der Quarantäne…


«Vorstelligsgspräch (Skit)» ist wieder eine gesprochene komödiantische Zwischennote, welche die Tracks auflockert und mir ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert.


«Chaosmafia» porträtiert selbstironisch das Leben als Rap-Crew, welche neben familiären Zügen auch gewisse Ähnlichkeiten mit der Mafia hat. Jedoch anders als bei den bisher gehörten Tracks, macht’s hier bei mir leider nicht wirklich: «Klick, klick – Bang!»...


«Eigeti Gedanke» klingt melancholisch und hat von der Thematik her einen ziemlich aktuellen Charakter: Die Suche nach der Wahrheit. Auch ich kann die ganzen Geschichten der Verschwörungstheoretiker auf Facebook nicht mehr lesen und habe Mühe mit den ganzen Halbwahrheiten der Boulevardmedien, welche hier ebenfalls in die Mangel genommen werden. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass ich mit meiner Berufswahl richtig gelegen habe, aber auch ich muss mich in letzter Zeit häufig für unkreative «copy-past»-Kollegen und ihren verlorenen Berufsstolz schämen. Ich wünsche es mir aus tiefstem Herzen, dass der richtige Journalismus und auch der gesunde Menschenverstand irgendwann wieder ein gesellschaftliches Klima erschaffen, in welchem «Fake-News» und Verschwörungen keine Chancen mehr haben. Übrigens, ein ziemlich packender Track, guys! Danke dafür!


«Las la guet si» ist voller Popappeal und pumpt trotzdem ziemlich gut aus den Boxen. Wundervoll, wie die MCs hier den Clinch zwischen Kunst und Kommerz nachzeichnen. Die Romantisierung der Revolution spricht mich trotz meinen 32 Jahren immer noch sehr an. Die Bilder nehmen einem direkt mit an den Ort des Geschehens, lassen einem nochmals jung sein und fesseln. Grandios!


«Ufenang ufpasse» startet mit einem Zitat, welches zum Nachdenken anregt und einem irgendwie auch traurig stimmt, denn wenn alle es aufgegeben haben, die Welt zu verändern, wird sie nie zu einem besseren Platz. Nicht wegschauen ist die Devise voller Zivilcourage, die eigentlich so natürlich sein sollte und doch nur von einem kleinen Anteil wirklich gelebt wird.


Die humorvollen Skits gehen weiter mit dem Stück «Optimierigspotenziau (Skit)», welches einige Vorschläge macht, wie die Karrieren der Mitglieder der Formation mehr Schwung aufnehmen könnten. Darauf ein Schluck Hustensaft.


Auch recht witzig klingt der «Wuetbürger- Riddim», welcher Stammtischparolen mit sommerlichen Reggaeton-Tunes mischt. Dieser Gegensatz zwischen tanzbaren Klängen und rassistischen, sowie sexistischen Aussagen macht sehr viel Eindruck, denn leider sind Zitate wie «I meina d Eidgenosse, wil Schwiizer ka ja jeda werda.» auf den unsozialen Medien immer mehr Alltag geworden. Man sollte definitiv öfter den Wutbürgern die Grenzen aufzeigen und Paroli bieten!

«Dini Ching» klingt modern und ist ziemlich anspruchsvoll zum Berappen. Das Zelebrieren der eigenen Wurzeln und der Freundschaft fühle ich sehr. Der Track hier erinnert mich an das Gefühl mit eigener Crew unterwegs zu sein. Man hat dann jeweils fast ein wenig das Gefühl, nichts könne einem aufhalten, wenn man als verschworene Bande zusammen die Gegend unsicher macht.


«Geils Läbe» suhlt sich in Melancholie und stimmt einem von Anfang an tieftraurig. Das rasante Leben zwischen Hoffnungslosigkeit, Weltschmerz und Alkoholkonsum zeichnet ein düsteres Bild der heutigen Zeit, welches unter die Haut fährt.


Kurz vor dem Schluss gibt’s nochmals ein Skit mit dem Namen «Wiehnachtsapéro», der nach dem vorausgehenden schweren Stück ein wenig Leichtigkeit ins Spiel bringt.


«Schlachtpolka» hat eine befreiende Melodie, die den Boom Bap aufleben lässt und wieder Hoffnung schenkt. Die Hook kommt mir irgendwie bekannt vor, doch ich kann sie nicht ganz einordnen. In der zweiten Strophe wird «Shape of you» und «Message in a bottle» gesampelt, was irgendwie noch ziemlich gut passt. Ein ziemlich abwechslungsreiches Stück, welches für mich fast ganz an den Anfang des Albums gehört hätte. Geiler Scheiss!


Das letzte Lied des Longplayer «F.T.W.» ist ein Outro mit Ansage. Ein letztes Mal gibt’s nochmals einige grandiose Parts, die nicht nur zum Nachdenken anregen, sondern auch unheimlich inspirierend klingen.

Schlussfazit:

«Umverteilig zu üs» von Chaostruppe ist genau das Album, welches die Schweiz jetzt braucht. Die Grosscrew prangert nicht nur die diversen Probleme der reichen Gesellschaft an, sie animieren mit ihren Liedern auch zu mehr Solidarität, Menschlichkeit und Zivilcourage. Trotz den vielen Dingen, die aktuell auf der Welt schräg laufen, verlieren das Mädel und die Jungs nie die Hoffnung und liefern kreative Lösungsvorschläge mit. Die unterschiedlichen Styles der verschiedenen MCs und die lustigen Skits dazwischen sorgen dafür, dass auch bei 20 Tracks nie Langeweile aufkommt und die Hörerschaft dranbleibt. Sehr inspirierend, dass auch 2020 mit Rapmusik so viel Inhalt transportiert werden kann, der zu einem Umdenken auffordert und die Welt vielleicht ein kleines Stück besser macht. Schade, funktioniert eine solche Grosscrew nicht auch im Kanton Graubünden…

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