Ramadan 2021 - ein Experiment
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Ramadan 2021 - ein Experiment

Früher war ich Mitglied der reformierten Kirche. Ich trat aus der Glaubensgemeinschaft aus, weil mir bewusst wurde, dass ich keiner Kirche, keiner Religion angehören muss, um gläubig zu sein. Ich habe meinen eigenen Glauben, der dem christlichen Glauben in vieler Hinsicht ähnlich ist. Wobei ich nicht an Gott glaube, wie es viele Menschen tun, sondern die Erde und all ihre Geschöpfe als ein Ganzes, das grosse Ganze sehe. Ich faste gemeinsam mit den Muslimen, um ihren Glauben besser zu verstehen und vielleicht das eine oder andere zu meinem ganz persönlichen Glauben hinzufügen kann.

Seitdem ich faste, nehme ich alles viel bewusster wahr. Die Farben und Formen meiner Umgebung, das Knurren meines Magens, die Gesichter meiner Mitmenschen sowie das Wetter. Der Mangel an Nahrung, Nahrung für den Körper, führt dazu, dass ich im Kopf klarer bin und weiss was ich will. Ich wusste schon bevor ich fastete, was ich will, doch nun sehe ich es ganz klar vor meinen Augen. Ich will dreissig Tage lang fasten, um meinen Körper, meinen Geist und meine Seele zu reinigen. Ich faste nicht nach den genauen Regeln der Muslime. Während es üblich ist mitten in der Nacht zu essen, esse und trinke ich jeweils am Abend nach Sonnenuntergang und trinke erneut Wasser, sollte ich mitten in der Nacht einmal aufwachen.


Wache ich nicht auf, so trinke ich nichts. Man könnte argumentieren, dass ich nicht wirklich nach den Regeln des Islam faste, sondern, dass es vielmehr ein Intervallfasten ist. Für mich ist es eine Mischung aus beidem. Da ich den Tag über nicht trinke, ist es eher Ramadan, doch da ich nicht mitten in der Nacht esse, ist es eher Intervallfasten.

Wenn ich morgens aufstehe, fällt es mir schwer ohne Wasser und Nahrung richtig wach zu werden. Bis es Mittag wird, bin ich vollständig erwacht, und beginne dann meist den Hunger zu spüren. Der Wasserentzug macht sich meist erst am Abend bemerkbar, da ich darauf achte, jeden Abend, nach dem Eindunkeln genug zu trinken.

Es ist abends. Die Sonne ist bereits untergegangen. Draussen ist es stockfinster. Ich sitze an der Fensterbank in meinem Schlafzimmer, der Kaserne in Birmensdorf, welches ich mit fünf Kameraden teile und esse frische Tomaten und ein Stück Brot. Es ist der Abend vom 12. April 2021. Ramadan hat offiziell begonnen. Die ersten Tage sind leicht, doch nach rund einer Woche bemerke ich, wie ich körperlich schwächer werde. Ich schlage meinen Arm irgendwo an, und spüre den Schmerz viel stärker, als ich noch nicht gefastet habe.

Eine weitere Woche vergeht. Zweimal spürte ich heftige Kopfschmerzen und hatte gleichzeitig Schwindelanfälle. Das war das Zeichen, dass ich etwas trinken musste. Manchmal muss man die Regeln brechen, um gesund ans Ziel zu gelangen. An mehreren Abenden der zweiten Woche war ich so hungrig, dass ich vor dem Eindunkeln zu essen begann. Keine Sünde, ich bin ja kein Moslem. Als ich am Wochenende der zweiten Woche vom Militär in den Urlaub entlassen wurde, begab ich mich auf mehrere lange Wanderungen, auf welchen ich mich mit Wasser und einigen Früchten verpflegte. Ohne Nahrung kann man, kann ich zumindest nicht einen ganzen Tag des Wanderns aushalten.

Die dritte Woche beginnt. Montag bis Donnerstag funktioniert es ganz gut. Am Freitag fühle ich mich krank und esse ganz normal zu Mittag und Abend. Samstag und Sonntag geht es mir nicht besser, ich esse. In der vierten Woche geht gar nichts mehr. Ich esse an jedem Tag bis auf den Dienstag und Mittwoch ganz normal zu Mittag und Abend. In der letzten Woche Ramadans von Montag, 10. Mai bis Mittwoch, 12. Mai ziehe ich es nochmals voll durch, esse und trinke den ganzen lieben Tag lang nichts und breche Ramadan mit einer selbstgemachten Pizza am Abend vom 12. Mai.

Fazit
Schwieriger als ich gedacht habe. Besonders erstaunt hat es mich, dass ich mit der Zeit immer schwächer wurde. Ich spürte Schmerzen viel intensiver, nahm Gerüche und Geräusche aus der Umwelt viel mehr war. Toll war, dass ich den Tag hindurch mehr Zeit fürs Lesen, Schreiben, Nachdenken oder Schlafen sowie Gesprächen mit Freunden hatte, da ich keine Zeit aufs Essen verwendete. Der Monat Ramadan dauerte insgesamt 30 Tage, davon habe ich an 17 Tagen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nichts gegessen und getrunken. An vier Tagen habe ich am Tag hindurch getrunken aber nichts gegessen. Und an neun weiteren Tagen habe ich den Tag hindurch gegessen und getrunken.

Ich fühle mich besser. Bin klarer im Kopf und komme erstaunlicherweise nun auch über längere Zeit ohne Nahrung aus. Es macht mir nicht viel aus, einen Tag lang nichts zu essen. Ich denke nicht, dass dieses Fasten eine einmalige Sache für mich gewesen ist. Wahrscheinlich werde ich in einigen Monaten eine oder zwei Wochen am Stück so fasten, um meinen Körper die Möglichkeit zu geben sich gründlich zu reinigen und unnötige Reserven abzubauen.

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