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Schreibblockaden gibt es nicht
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Schreibblockaden gibt es nicht

Während also mein Karma laut lacht, überlege ich, wie ich aus dem Schlamassel rauskomme. Würde ich Schreibblockaden nicht leugnen, könnte ich jetzt meinem Herrn Chef bei Qultur eine Mail schreiben: «Lieber Christian, das wird dieses Mal nichts, ich habe eine Schreibblockade.»  Wahrscheinlich hätte er sogar Verständnis, denn Schreibblockaden sind bei Autor*innen sozusagen eine anerkannte Berufskrankheit oder zumindest ein Berufsübel, das ab und zu über uns hereinbricht.


So ist es kein Wunder, dass selbst mein jugendliches Publikum davon Wind bekommen hat und mich deshalb bei Lesungen immer mal wieder danach fragt. Ich antworte jeweils mit einer Gegenfrage. «Stellt euch vor, euer Wochenende war ziemlich wild, vielleicht sogar sehr wild, mit viel Spass und wenig Schlaf. Wer von euch hat dann am Montagmorgen null Bock auf Schule?» Wie viele Hände da nach oben gehen, können Sie sich ja ausmalen, das Gelächter dazu auch. «Nun stellt euch vor», fahre ich dann fort, «ihr ruft am Montagmorgen euren Lehrer oder eure Lehrerin an und sagt, ihr könnt nicht zur Schule kommen, weil ihr eine Schulblockade habt.»


Natürlich wird es nach diesem witzigen Gedankenspiel dann ernster. Man kann nämlich auch aus anderen Gründen manchmal nicht in die Schule: Krankheit, Unfall, ein tragisches Ereignis in der Familie. Nichts von alledem gilt jedoch als Schulblockade. Sondern als das pralle Leben, das uns eins reinwürgt. Schicksal also. Und genau so ist es auch bei uns Autor*innen. Natürlich wirft einem das Leben manchmal etwas vor die Füsse, das uns aus der Spur haut. Ich nenne das jedoch nicht Schreibblockade.


Schreibblockade ist für mich, wenn es klemmt. Wenn ich im Text nicht weiterkomme. Aus was für Gründen auch immer. Es kann das Leben sein, es kann mangelnde Planung meinerseits sein, oder schlicht und einfach eine grosse Unlust am Schreiben. Denn selbst wenn man in einem sogenannten Traumberuf arbeitet wie ich, heisst das noch lange nicht, dass man jeden Tag beschwingt und motiviert und mit tausend Ideen an die Arbeit geht. Nein. Manchmal klemmt es gottvergessen. Da sitzt man da, starrt auf das leere Blatt oder den weissen Bildschirm und hört und fühlt in seinem Kopf nur eine grosse Leere.


«Was machen Sie dann?», fragen mich die Jugendlichen, wenn wir mal geklärt haben, dass dieses völlig überbewertete, zum Teil masslos verklärte Wort Schreibblockade nichts anderes als das pure Leben ist, wie es Jede und Jeden treffen kann.


Nun, wenn noch genügend Zeit bleibt, schreibe ich einfach nicht, im Vertrauen darauf, dass mir früher oder später schon etwas einfällt. Oft überarbeite ich einen bereits geschriebenen Text, denn Überarbeiten geht immer, weil das reines Handwerk ist. Oder ich höre Musik, die mich in die richtige Stimmung bringt.


Heute geht nichts von alledem, denn die Zeit drängt, der Herr Chef wartet auf diesen Text. Deshalb habe ich das gemacht, was ich bei genügend hohem (Zeit)Druck immer mache. Ich starrte auf die weisse Fläche, tippte Satzanfänge, löschte sie, starrte weiter, gab nicht auf, tippte irgendwas, löschte dieses Irgendwas wieder … wartete auf das eine Wort oder den einen Satz, mit dem diese Kolumne ins Rollen kommen würde. Es tauchte tatsächlich auf. Schreibblockade.


Ich höre kurz auf zu tippen, gucke auf eine der längsten Kolumnen, die ich soeben in Rekordzeit aus mir rausgetippt habe, grinse in Richtung Universum zu meinem Karma, zwinkere ihm zu und denke: zu früh gefreut, liebes Karma. Es gibt keine Schreibblockaden. Nur das Leben (oder ein kurzfristiges «kai Luscht hütt»), das manchmal dazwischenfunkt.

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