Sonnenstunden
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Sonnenstunden

Nach einem südländischen Mittagsschläfchen ist man am Nachmittag gleich wieder fit und munter für die Arbeit oder die Freizeit. Mir erscheint, dass den Spaniern hier auf den Kanaren mitten im Atlantik die Arbeit und das damit verbundene Pflichtgefühl nicht so wichtig zu sein scheint, wie bei uns zu Hause. Die Familie und die Tradition haben hier noch Vorrang, nicht wie bei uns zuhause in den Städten und auch zunehmends auf dem Land, wo das Leben rund um die Arbeit herum gestaltet wird.


Wir könnten erkennen, dass das Leben so viel mehr zu bieten hat, als die Arbeit und das Geld. Ansätze dafür gäbe es zuhauf. Zum Beispiel mit dem Grundeinkommen oder mit einer Verkürzung der Arbeitszeit. Ob die Arbeit wirklich die Zeit und Aufmerksamkeit wert ist, die wir ihr opfern und entgegenbringen?

Sonnenstunden. Hitzebad. Winderfrischung. Kühlendes Meerwasser. Ich sitze auf einem Hügel weit oberhalb des Meeres und blicke hinunter in die schäumenden Brecher. Das Meer tost, der Wind reisst an meinen Haaren und die Sonne verbrennt mir die Haut. Die Vögel des Atlantiks kreischen und krächzen und fliegen hin und her. Ich sehe Möwen, weiss wie die Gischt der Wellen und Sturmhaubentaucher, Tiere, die fast ausschliesslich auf dem Wasser leben und nur zum Brüten an Land fliegen. Der Sturmhaubentaucher ist ein stolzer Meeresvogel, braun-weisslich gefleckt, mit einem gelben Schnabel. Mit schlauen Augen und seinem Vogelsinn fliegt er Delfinschulen nach. Die Delfine treiben in Gruppen die Fische an die Oberfläche und machen ihnen dann gemeinsam mit den Vögeln den Garaus. Daran sieht man, dass die Tiere mindestens ebenso schlau sind wie der Mensch, eben auf andere Art: lokal und gemeinsam statt entfremdet und einsam.

Der Wind wird still, das Meer flach und wellenlos. Die Sonne tritt ihre Herrschaft in diesen Mittagsstunden an. Alles und jeder hat sich ihr zu beugen. Auch ich. Sie will mich mit ihrer Hitze in den spärlichen Schatten vertreiben, doch ich bleibe und schaue weiter ruhig und gelassen vom Hügel hinunter aufs Meer. Ob ich mich nun der Sonne beuge oder nicht, sie gewinnt immer. Denn beuge ich mich nicht, sticht und verbrennt sie mich.

Die Hitze nicht beachtend, schaue ich weiter in die Gischt der Wellen. Ich beobachte wie die Wellen entstehen, wie sie grösser werden und schliesslich brechen. Das Tosen des Wassers füllt mein Gehör. Nahe am Meer, an einem Ort mit wellenreichem Wasser hört man nichts ausser den Wellen. Es ist Fluch und Segen zugleich. Je nachdem ob man das Geräusch mag oder nicht. Ich zu meinem Teil mochte das Meer von Anfang an. Meine älteste Erinnerung an den Ozean reicht weit zurück. Wenn ich daran denke, sehe ich meine nackten Füsse im Sand vom Wasser umspült. Der Ozean war mir wie so vieles andere im Leben auch ein Lehrer. Er hat mich gelehrt geduldiger zu sein. In den Wochen auf den Kanaren habe ich oft stundenlang ins Meer geschaut ohne irgendetwas dabei zu tun. Allein sass ich am Meer ob auf Sand oder Stein und lauschte dem Atem des Urwassers.

Wieder auf den Hügel am Meer zurückkommend, wo ich sitzend und schauend die Zeit an mir vorbeiziehen liess, wich mein Blick in die Ferne. Im Osten ragt der Vulkanberg Teide weit in den Himmel hinauf. Fast viertausend Meter hoch soll er sein, dieser Berg inmitten von Wasser. Dann und wann erklingt das Horn einer Fähre.

Das Rauschen des Meeres macht mich schläfrig. Irgendwie schlafe ich an einen Stein gelehnt ein. einige Zeit später erwache ich mit stechenden Kopfschmerzen und brennender Haut. Unter Stöhnen stand ich auf und brachte mich im Schatten in Sicherheit. Naja, wer nicht hören will, der muss eben fühlen.

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