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«The Drawbridge» - Protokoll einer Bildbetrachtung
Bild/Illu/Video: Giovanni Battista Piranesi

«The Drawbridge» - Protokoll einer Bildbetrachtung

Stimmt, das Rote-Lippensofa war dann auch ganz ästhetisch-humorvoll, aber getroffen, bis ins Mark, hat mich eine fast unscheinbare Reihe von kleinen Bildern an der Wand der Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock des Museums: Abzüge der Radierungen der Carceri d'Invenzione von Giovanni Battista Piranesi. Ich habe sie mitgebracht wie eine Tätowierung in meinem Nacken, nicht in meinem täglichen Sichtfeld, aber immer da, eingedrückt.


Die erst 14, dann 16 Radierungen zeigen in starkem schwarz-weiss Kontrast Brücken, Treppen, Gewölbe, Türme, verbunden durch weitere Treppen, gigantische Zwischenräume umspannend, dabei düster, bedrückend und fast klaustrophobisch. Piranesi hat sich selbst oft eher als Architekt, denn als Künstler bezeichnet, aber es wäre zu banal, diese Blätter als architektonische Studien abzutun. In den fast drei Jahrhunderten seit ihrer Veröffentlichung haben sie die Imagination vieler Künstler, Schriftsteller und Theatermenschen gefesselt und gefordert. Und meine.


Für mich sind sie Visionen, - Visionen von veränderlichen Synapsen und Nervenverbindungen in konkreter Form und von unseren Prägungen und (vielleicht) Zwängen im unteren Teil unserer Seele/Psyche in immaterieller Form. Sie sind gewaltig, ihre Fundamente reichen tief in unsere Erde, dorthin, wohin wir nur unwillig schauen, weil wir uns sofort von Verschüttung bedroht sehen - und dort, wo unser Wissen über uns selbst sitzt, von dem wir von uns selbst – oder, wie bei Umberto Eco in Der Name der Rose, von klösterlichen Bibliothekaren – geschützt werden müssen.


Dass diese in quasi 2. Auflage 1761 erschienenen Radierungen nicht nur mich so beeindruckt haben, zeigt ihre Rezeptionsgeschichte und ihr Echo in Literatur und Kunst seitdem. Horace Walpole, der Sohn des ersten britischen Premierministers Sir Robert Walpole schrieb den ersten gotischen Roman The Castle of Otranto nur drei Jahre später, inspiriert haben soll ihn ein Traum von einem Handschuh auf der grossen, gotischen Treppe seines Hauses Strawberry Hill in Twickenham im Südwesten von London.


Umberto Eco in Der Name der Rose benutzt sie als Gestaltungselement seiner geheimen Bibliothek im Kloster, einem verwirrenden Labyrinth von Gängen, dunklen Treppen und Räumen und Bücherregalen überall, das das von den Mönchen zensierte Wissen, unter anderem das geheime zweite Buch der Poetik des Aristoteles über die Komödie, der breiten Menschheit zur ihrem eigenen Wohle vorenthalten soll.


Spielerischer, aber nicht weniger atemberaubend nutzt J. K. Rowling das Treppen- und Brückenkonzept Piranesis in ihrer architektonischen Ausgestaltung der Zauberakademie Hogwarts, in der es laut Harry Potter-Aficionados 142 Treppen und Übergänge gibt, die mitunter ihre Position wechseln und neue Räume und Gänge zugänglich machen, die vorher isoliert waren. Dies zwingt die Studierenden zu einem andauernden Gedächtnistraining, zu permanenter Aufmerksamkeit gegenüber Raum und Zeit, - wäre eine bessere Metaphorik für das, was in einer Schule passiert, nämlich die Neuverknüpfung von Synapsen in den Hirnen der Studierenden, möglich? Ohne das würden sie im Chaos und Orientierungslosigkeit versinken, die stets aktualisierte, innere Karte der Treppen und Bögen zu den immer neuen Räumen fast im Massstab 1:1 zu den Verschaltungen in ihren Gehirnen und Psychen.


Carceri sind Gefängnisse, sind Orte, die Insassen, Innen-Leben, umfassen und isolieren, abschotten von der Aussenwelt, Schutz gewähren, meistens der Aussenwelt von der Innenwelt, manchmal auch umgekehrt. Aber wer ist in Piranesis Carceri eingesperrt? Man sieht manchmal kleine Menschen sich in den gigantischen Gewölben bewegen, aber eher als würden sie in einer italienischen Stadt Lustwandeln, als in einem Raum-beschränkten Kerker umherirren. Es gelingt ihm, düstere Massivität und Klaustrophobie mit Licht und Transparenz zu erfüllen, als würde er das tiefste Massiv des Geistes ans Licht heben, das Innere sichtbar machen, fast so wie Antonio Gaudí in Barcelona mit seiner Sagrada Familia die knöchernen Strukturen des Körperskeletts nach aussen gekehrt hat und Masse federleicht wirken lässt.


Manche Kritiker von Piranesis Carceri glauben, er hätte diese Visionen während einer Phase von geistiger Umnachtung geschaffen. Wenn diese Vision der Grundfesten unseres Wesens und unserer Hirnverbindungen geistige Nacht voraussetzt, dann gebt mir Wahn ...

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