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Tim Mälzer und die «Fette Henne»
Bild/Illu/Video: Marcus Duff / cascadas

Tim Mälzer und die «Fette Henne»

Nach einem ersten Skitag sitzen wir gemütlich in einer Churer Bar und diskutieren über Gott und die Welt. Dabei erzähle ich ihm, dass im letzten Jahr eine kleine satirische Kochsendung online ging und die Akteure grossspurig meinten: «Was Tim Mälzer kann, können wir schon lange…», dies mit einem Augenzwinkern. Bernd musste schmunzeln. Er, der mit Lucas zusammen die Designagentur Weissraum in Hamburg führt, zählt Tim Mälzer nämlich zu seinen langjährigen und geschätzten Kunden.


Tim Mälzer ist alles andere als ein Leichtgewicht in seiner Branche. Das zeigt sich schon dadurch, dass sich etliche Sterneköche seine Freunde nennen. Dazu kommt, dass er sich auch beim Kochen Gedanken über gesellschaftliche Themen macht und diese dort einfliessen.


Als Tim 2012 das Kochbuch «Heimat» herausgegeben hatte, war dies in einem positiv besetzen Umfeld: Nach dem grossartigen Sommermärchen 2006, wo Deutschland zu einem der beliebtesten Reiseziele der Welt und Multikulti gefeiert wurde. In «Heimat» ging es um neuinterpretierte traditionelle Heimatküche. Muttis alte Rezepte aus der Abstellkammer zu holen und neu zu definieren. Dafür stand und steht der Starkoch. Das damalige Cover erinnerte an ein goldenes Märchenbuch mit tiefgeprägten kleinen Zwergen. Es durfte noch kokettiert werden, so Bernd.


Als Tim 2017 ein neues Kochbuch mit dem Namen «Neue Heimat» realisieren wollte, war das Thema Heimat um einiges politischer und heikler geworden: Die AFD rückte nach rechts aussen und die Flüchtlingskrise verängstigte die Mitte der Gesellschaft. Das Team rund um Tim hatte das Ziel, klar Stellung gegen Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit zu beziehen und Haltung zu zeigen. In «Neue Heimat» ging es nicht mehr nur ums gute Essen. Es sollte ein Kochbuch für ein modernes Deutschland werden: Einem Land mit zeitgenössischem Heimatbegriff, ein Land mit offenen Köpfen – und offenen Töpfen.


Und so wurde der Spiegel-Journalist Tobias Becker engagiert, der half, Tims Haltung auch textlich im Buch Ausdruck zu verleihen. Die Rezepte reichen vom klassischen Heimat-Gericht bis zu international beeinflussten Gerichten wie Döner, Pizza oder Burger. Denn für Tim ist die Döner-Bude oder der Syrer um die Ecke genauso Heimat, wie Schweinsbraten und Knödel. Mälzer: «Essen hat das Potenzial, Gemeinschaft zu stiften. Essen ist Heimat auf dem Teller.»


«Unsere Aufgabe als Weissraum Design war es, in dieser politisch aufgeladenen Zeit mit der richtigen Aussage an die Covergestaltung ranzugehen. Der Begriff Heimat sollte nicht von dumpfen Parolenschreiern besetzt werden. Für uns ist Heimat ein bunter, weltoffener Ort.


Nach langer Recherche, was das Covermotiv sein könnte und wie es interpretiert werden kann, sind wir auf den Bundesadler des deutschen Bundestags gekommen. Dessen Logo, entworfen in den 1970er Jahren, ist ein friedlicher dicker Adler, nicht mehr der kriegerische Reichsadler. So wurde dieser im Volksmund schmunzelnd als «Fette Henne» betitelt. Wir setzten uns in den folgenden Wochen daran den Adler wirklich in eine «Fette Henne» zu verwandeln – bunt, urban und mit einer Prise Humor umgesetzt: Die Henne legt ein Ei!» So beschrieb Bernd den Design-Prozess engagiert.

«Denn die große Mehrzahl der Menschen wollen nicht wieder zurück in eine Zeit, in der Ausgrenzung und aggressive Meinungsmache normal war. Weder beim Essen, noch im alltäglichen Umgang miteinander.»


Dieses Kochbuch zeigt, das Tim sich mit gesellschaftlichen relevanten Themen auseinandersetzt und diese nicht nur in seine Rezepte einfliessen lässt. Heimat ist wandelbar, Geschmack ist es auch. Deutschland schmeckt 2018 anders als 1958.


Wir sind bereits beim dritten Bier angelangt, weitere Geschichten werden erzählt und Erfahrungen ausgetauscht. Und morgen wird wieder wie der Teufel Ski gefahren, egal ob im Nebel, Regen oder Schnee – da kennt der Norddeutsche kein Mitleid mit dem sonnenverwöhnten Weichei aus den Bündner Bergen, leider!


Weissraum Design schenkt einem Qultur-Leser ein «Neue Heimat» - Kochbuch. Dann mal einen guten Appetit!


Mitmachen können Sie auf unserer Facebookseite oder einfach eine Mail mit dem Betreff «Fette Henne», sowie ihrer Adresse an info@qultur.ch senden. Viel Glück!

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