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Bild/Illu/Video: Max Weiss

Begeisternde Lange Nacht der Museen 2022

Nach Durchlesen des schön gestalteten Event-Büchleins habe ich die Qual der Wahl. Ich entscheide mich schliesslich für Bregenz.

Schon zwei Male zuvor hatte ich das Kunsthaus besucht. Es imponiert nur schon durch seine Architektur. Der Schweizer Architekt Peter Zumthor hatte diesen Quader aus Sichtbeton, Stahl und Milchglasscheiben entworfen und es wurde 1997 eröffnet.
Auf dem Programm steht Jordan Wolfson, in dessen Installationen Religion, Gewalt, Liebe, Rassismus und Sexismus eine zentrale Rolle spielen.
Im Parterre stehen schon, weiträumig verteilt, verschiedene Bildschirme, eine Station mit VR-Brillen, die aber leider immer besetzt sind, obwohl sich die Leute ansonsten bislang gut verteilen. Auf einem Screen spielt ein Comic mit offensichtlich einem persiflierten Juden, der im Magazin «Vogue» blättert. Gewagt, denke ich mir.

Eine lange, enge Treppe führt hoch zum ersten Saal. Die Wände rund herum bestehen aus poliertem Sichtbeton, und mich selbst erinnert der Aufgang an die «Grosse Galerie» der Cheops-Pyramide von Gizeh.
Von Weitem hört man laute Musik.
Betritt man den Saal, ist er leer, ausser einer riesigen Leinwand, auf welchem ein Film mit professionell eingefügten 3D-Animationen spielt. Die Musik wird immer lauter, bis sie verzerrt und schliesslich abbricht. Erst nach zweimaligem Durchgang merke ich, dass das Absicht ist.
Am Boden ist auf der ganzen Fläche ein dicker Teppich ausgelegt.
Im Film geht es, wahrscheinlich etwas sehr salopp gesagt, um kitschige Herzchen, welche sich zu Viren, Kondomen, Geschlechtersymbolen und mehr verwandeln, die wiederum in reale Grossstadtszenen von Leben, Liebe, und Wiedergeburt eingefügt wurden.

Die gesamte Ausstellung wirkt irgendwie beunruhigend, verstörend und nimmt aktuelle Themen auf. Sie endet übrigens am 9. Oktober.

Die zweite Treppe ähnelt der ersten, und erneut betritt man ein völlig neues Universum.
3D-Hologramme, mittels Ventilatoren erzeugt, stehen mitten im Raum und wie in die Luft projiziert spielen sie in perfekter Harmonie verschiedene Film-Szenen von den irgendwie ausserirdisch wirkenden, aber höchst realen Robotern von Boston-Dynamics, berühmten Künstlern, aber auch wieder popartig animierte Herzchen, Hände, Emojis und Zahlenreihen, die ich im Moment nicht deuten kann. Mich fasziniert aber nur schon diese Technik, derer er sich bedient.

Genaueres zu dieser Ausstellung ist übrigens unter https://www.kunsthaus-bregenz.at/ausstellungen/jordan-wolfson/ zu finden.

Auch an den Wänden hängen Davidssterne, Kreuze, eine religiöse Szene einer Familie, die sehr nett aussähe, hätte man allen nicht wütende Augenbrauen aufgemalt.
Obwohl es erst etwa 18.40 ist, ist dieser Saal sehr gut besucht. Es hat bedeutend mehr Publikum, als ich mich ansonsten gewohnt war: Diese Lange Nacht der Museen ist also augenscheinlich ein voller Erfolg.
Auch viele Familien mit Kindern sind anwesend, welche sich im Untergeschoss schminken lassen konnten.
Möchte man eine Etage höher, muss man anstehen. Die freundliche Wärterin, mit welcher ich beim Warten spreche, erklärt mir, dass oben ein weiblicher Android-Roboter sei, und zeigt mir ein Bild vom ihm. Sieht sehr sexy aus. Er würde mit Leuten interagieren, ihnen in die Augen schauen und tanzen. Nach ich etwa zehn Minuten mit einem Grüppchen gewartet habe, - die Installation lasse nur eine beschränkte Anzahl zu -, erklärt sie dem ganzen Saal, dass leider ein technischer Defekt aufgetreten sei, der wahrscheinlich Stunden zur Behebung brauche. Bedauerlicherweise wird es also nichts mit dem «Female Figure», und ich beschliesse, das Museum zu verlassen und eventuell später wiederzukommen.
Auf der Seite des Museums entnehme ich, was mir entgangen ist. «Im obersten Geschoss tanzt eine Roboterfigur vor einem Spiegel. Die Female Figure, 2014, trägt kniehohe Stiefel, ein weißes Negligé und eine blonde Perücke. Schwarze, böse blickende Augen lugen unter der grünen Maske eines Pestarztes hervor. Wolfson übersetzt Videotechnologie in Skulptur. Verblüffend anmutig schwingt das Go-go-Girl die Arme, während seine Gelenke zu den Rhythmen von Popmusik knarzen. Wolfson leiht der verschmutzen Figur, die auf erstaunliche Weise zugleich abstoßend und anziehend wirkt, seine Stimme: ‘Meine Mutter ist tot. Mein Vater ist tot. Ich bin schwul.’ Ein Gefühl der Beklommenheit stellt sich ein – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Skulptur den Spiegel nutzt, um Blickkontakt zu den Betrachter*innen herzustellen.» Schade.

Auf dem Platz vor dem Kunsthaus befindet sich ein Beton-Auto, ähnlich dem von Piplotti Rist auf dem Roten Platz in St. Gallen und zwei verschiedene abstrakte Skulpturen. Der ganze Glasquader leuchtet leicht und man kann vom Vorplatz aus erahnen, was sich in dessen Inneren abspielt.

Nur ein paar Meter weiter befindet sich das Vorarlberg Museum. Es regnet immer noch in Strömen, was auch schon am Eingang zu erkennen ist: bunte Regenschirme türmen sich zu beiden Seiten, sodass man dieses Bild fast auch für eine Installation halten könnte.
Ich bemerke erneut, was eine Kunstausstellung auslöst: Man lernt wieder, zu betrachten und bemerkt auf einmal wieder in alltäglichen Kleinigkeiten die Ästhetik der Welt. Genau diesen veränderten Blick auf die Natur der Dinge habe ich meistens, nachdem ich lange gezeichnet oder gemalt habe.
Schon im Erdgeschoss befinden sich zahlreiche Leute und es ist und es ist sehr warm, sodass ich meine Regenjacke ausziehe.
Trotz der vielen Leute fühle ich mich sofort wohl in diesem Raum.
Er ist einfach schön, in jeglicher Hinsicht, und genau darum dreht sich auch die gesamte Ausstellung. Schöne Typografien mit Sprüchen zu Schönheit hängen überall, die Schilder sind in beruhigendem Marineblau gehalten.
Der Boden ist aus natürlich gehaltenem Eichenparkett, die Türen und die Treppengeländer aus edlem, grünlich schimmernden Messing. Imposant.
Im Atrium des Hauses, welches sich teilweise bis zum Dachgeschoss durchzieht, befindet sich nach Angaben der Museumsleitung die grösste zusammenhängende Lehmputzwand Europas mit einer Höhe von 23 Metern.

Zuerst muss ich für kleine Königstiger, und auch auf diesem Weg ins Untergeschoss sind diese wunderschönen Typografien angebracht. Sie sind aus Metall und sind waagrecht an der Wand angebracht. Geschickt beleuchtet wird der Schatten perfekt auf die Wand geworfen, sodass die mir bislang unbekannte Schriftart lesbar wird. Jeder Spruch für sich ist bedenkenswert und dreht sich um Schönheit.
Auf dem Klo selbst erlebe ich einen kleinen Dämpfer, da immer noch zwei Meter Abstand und das Tragen einer FFP-2-Maske empfohlen wird.
Erleichtert sehe ich während des gesamten Abends nur zwei Leute mit Maske. Selbst Wiler, der Chef des Deutschen RKI hat mittlerweile an der Pressekonferenz des Bundestages am 29. September zugestanden, dass durch die Massnahmen und Masken eine «Immunlücke» entstanden sei. Aber in diesem Artikel soll es nicht darum gehen. Ich bin jedenfalls froh, frei atmen zu können.

Gleich beim Eingang ist ein wundersames Portal: Auf geradlinig von oben ausströmenden Rauch projizierte Hologramme lassen die praktisch alle Interessierten davor stehen und eine Zeitlang damit spielen. Durchschreitet man das Portal, steht man vor oben genannten Atrium.
Eine grossflächige Skulptur aus einer Art schwarzen Müllsäcken hängt weit oben. Sie knistern leise und behaglich, während sie sich wie Wellen aufblasen und wieder zusammenfallen.
Eine Angestellte überreicht allen Besuchern einen Karton mit seltsamen Zeichen darauf. «Jetons, um zu bewerten», klärt sie auf.
Zuerst verstehe ich Bahnhof, und erst, als ich diesen Streifen genauer betrachte, bemerke ich, dass man die runden, glänzenden Zeichen auf dem Karton herausdrücken kann.
Bei gewissen Installationen wird eine Art Forschung betrieben. Bei der ersten Station dieser Art sind drei Landschaftsbilder zu sehen, wo die Frage zu beantworten ist, welches am Schönsten ist. Berge, Wälder und Meer. Die zwei Personen vor mir werfen ihre Münze bei Meer ein.
Wenn man sich auf die andere Seite begibt, sieht man durchsichtige Plastikröhren, wie früher bei «1,2, oder drei», wo man ablesen kann, wie die Betrachter abgestimmt haben. Erwartungsgemäss steht der Pegel bei Strand am höchsten.
Das österreichische Künstlerduo Sagmeister und Walsh forscht also aktiv mit ihrer Ausstellung «Beauty» zum Empfinden von Ästhetik rund um die Welt, und beweist damit eindrücklich und unmittelbar, dass Schönheit keine Frage von Kultur, Gewohnheit oder Ethnie ist. Sie erhalten nach eigenen Aussagen rund um die Welt genau die gleichen Resultate.
Schon jetzt bin ich hin und weg. Jeder einzelne Satz, auch aus der Geschichte, regt mich zum Denken an.
«Für Plato ist Schönheit ein moralischer Wert.
Was schön ist, ist wahr, was wahr ist, ist schön.», steht im Schatten an der Wand am Ende der Treppe zum zweiten Stock geschrieben.
Auch von hier ist die Installation mit den Plastiksäcken zu sehen, diesmal fast greifbar nah. Hier befindet sich das Kinderprogramm, wo sich Kinder mit Hut und Federboa verkleiden und Selfies von sich in einem goldenen Rahmen machen können. Am Boden können sie mit den Jetons Kunstwerke auslegen.
Blickt man aus dem Gang des dritten Stockes auf die Wand des Atriums, erblickt man wunderschöne Schatten der «Müllsäckeskulptur», wie ich sie genannt habe.
Zuerst betrete ich eine andere Ausstellung, welche um die lange Geschichte von Bregenz geht. «Brigantinum». Im riesigen Saal sind überall pädagogisch wertvolle Ausstellungsobjekte, welche begreifbar sind. Auf einem nachgebauten Schiff klettern Kinder herum, überall hat es Spiele aus Holz. Lernen mit allen Sinnen: Genau so stelle ich mir insgesamt ein modernes Museumskonzept vor, das auch spannend für Jung und Alt ist.
Auf der anderen Seite finde ich die Fortsetzung der Ausstellung «Beauty» von Sagmeister und Walsh.
Auch hier stehen, viel dichter als im Erdgeschoss, erstaunliche Fakten und Werke zum Thema. Spielerisch, originell, formal konsequent, auf den Punkt gebracht und wunderschön schaffen es die beiden, das Thema zu vermitteln, dass man sich dem nicht entziehen kann. Ob Gross oder Klein: Von dieser Ausstellung wird jeder viel mitnehmen.
Auch ich selbst bin erstaunt.
Unter anderem beweisen sie, dass mit dem Formalismus der Neuzeit sowohl die Schönheit als auch die Funktionalität abgenommen hat. Das zeigen sie zum Beispiel an einer Reihe Gläsern, vom 17. Jahrhundert bis jetzt.
Sieht man die Abstimmungsresultate über verschiedene Formen, ist das Rechteck am wenigsten beliebt. Bei den Farben ist es braun.
Gleich daneben befindet sich eine Bilderwand mit moderner Architektur, und trocken wird man gefragt: Und was machen die Architekten heute?
Tatsächlich sind die modernen Bauten auf den Bildern meistens braun und rechteckig.
Auch bemerkenswert fand ich noch eine Art Röhre auf Kopfhöhe, welche absolut genial den Inhalt mit der Form verbindet. Auf der einen Seite sieht man die U-Bahnstationen von München, die allesamt nur farblich unterschiedlich sind, auf der anderen Seite jene von Moskau, die allesamt von anderen Architekten kunstvoll gestaltet sind, und selbstverständlich auch von Publikum als viel schöner betrachtet werden.
Oder ein Bild einer indischen Stadt, die an sich beige-braun eintönig wäre, aber durch die farbigen Kleider der Einwohner einen unglaublichen Charme erhält.
Mehr dazu findet man hier. https://www.vorarlbergmuseum.at/ausstellungen/beauty/

Auf der gleichen Eben befindet sich noch eine andere Ausstellung mit dem Titel «Auf eigene Gefahr. Vom riskanten Wunsch nach Sicherheit».
Nachdem man ein Spiegellabyrinth mit Fragen zum Thema Eigen- und fremdschutz durchschritten hat, empfängt einen ein vielfältiges, dichtes Potpurri von Ausstellungsobjekten aus der Vergangenheit bis zur Zukunft zum Thema Sicherheit. In einem Raum geht es um Schutzengel und Schutzsymbole, gleich danach um Polizei und Fenstersicherheit, fast jedes Objekt macht eine neue Türe zum Thema auf.
Das Museum ist mittlerweile wirklich voll und in diesen Räumen sind die Gegenstände so nahe beieinander, dass für Klaustrophobiker keine Empfehlung ausgesprochen werden sollte.
Ohne Frage: Auch diese Sonderausstellung hat ihren Reiz in der Buntheit und Vielfalt, auch in ihrer politisch modernen Aussage, jedoch empfinde ich sie insgesamt fast als das pure Gegenteil von der intelligenten Ästhetik Sagmeisters, ein gebürtiger Österreicher, der übrigens in New York lebt.

Ich beschliesse, etwas essen zu gehen und finde gleich in der Nähe ein wunderbar landestypisches Lokal.
Es ist schon halb zehn und ich frage den freundlichen Kellner, ob ich noch etwas essen könne. «Aber selbstverständlich!»
Monate zuvor war ich im Café des Kunsthauses Zürich, mit äusserst schlechter Bedienung und wahrlich überrissenen Preisen - ein Weizen kostete sage und schreibe 9 Fr.
In diesem gemütlichen, gut besuchten Gasthaus das pure Gegenteil.

 
Für etwas über 20 Euro genehmige ich mir ein 3-gängiges Menü inklusive Getränk und Kaffee im Kornmesser und lasse das Gesehene Revue passieren.
Ich blättere weiter im Booklet, und denke erst, dass ich in Dornbirn noch die Ausstellung Inatura besuchen werde, doch auf der Fahrt dahin merke ich, mittlerweile ist es Viertel nach elf, dass ich jetzt wohlig übersättigt bin - sowohl vom hervorragenden Essen als auch von den wunderbaren Eindrücken.


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