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Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Der Idealist Jonny Gauer

Dem Septemberwetter hätte ich echt mehr zugetraut, als ich gestern mit kurzen Hosen und T-Shirt bekleidet in Richtung Sargans fuhr. Trotz neumodischen Wetterapps pfeife ich eigentlich grundsätzlich ziemlich oft auf Prognosen und kleide mich nach Lust und Laune, was dann an einem Tag wie gestern auch mal solide in die Hose gehen kann. Auf meinem Plan stand ein Treffen mit der Veranstaltungslegende Jonny Gauer in Trübbach. Da ich sonst dort praktisch nur durchfahre auf meinem Weg ins Fürstentum, hatte ich nicht wirklich eine Idee in welchem Lokal wir uns dann treffen sollten. Glücklicherweise schrieb mein Gourmetspezialist Markus Schädler kürzlich einen Regiotipp zur Gemeinde Wartau, wo er die Restaurants Traube und Selva empfohlen hatte. Als dann Jonny mir vergangene Woche schrieb und fragte, ob ich kurz Zeit hätte vorbei zu kommen, versuchte ich mit meinem angelesenen Wissen zu trumpfen und schlug ihm das Restaurant Traube vor. Er, der schon immer in dieser Gemeinde wohnhaft gewesen ist, fand die Idee zwar noch gelungen, erinnerte mich aber daran, dass diese Gastwirtschaft am Donnerstag jeweils geschlossen hat. Wir einigten uns dann auf das Selva, wo ich eine Viertelstunde zu früh eintraf. Der 54-jährige Rocker Jonny fuhr kurz danach vor und wir begrüssten uns freundschaftlich.


Wir nahmen Platz an einem runden Tisch und mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich mit ihm, obwohl sich unsere Wege in regelmässigen Abständen immer wieder gekreuzt hatten und wir praktisch mit den gleichen Szeneleuten verkehren, bis zu diesem Moment noch nicht zehn Sätze miteinander gewechselt hatten. Eigentlich schon ein bisschen komisch, wie gewisse Wege so ähnlich und parallel, aber irgendwie auch so ein wenig aneinander vorbei verlaufen. Nun ja, ich hatte mir vorgenommen diese Situation zu verändern und nahm Platz. Wir bestellten unser Essen und begannen völlig aus dem Bauch heraus miteinander zu quatschen. Als wäre es immer schon so gewesen, redeten wir offen über Lieblingsbands, die Konzertsituation auf dem Lande und vieles weitere. Ich fühle mich als Interviewer wohl, wenn sich der von mir Befragte zurücklehnt und frisch von der Leber weg und authentisch spricht. Diese Situation, für die es bei vielen Personen relativ viel Zeit braucht, erreichte ich bei Jonny doch recht schnell, da wir das Heu eigentlich vom ersten Wort an auf der gleichen Ebene hatten. Menschen, die sich komplett der Musik verschrieben haben und nichts mit Kommerz am Hut haben wollen, sind in der Musikszene Ostschweiz rar gesät und wohl genau aus diesem Grund genoss ich das Gespräch mit ihm dermassen. Ähnlich geht es mir übrigens auch, wenn ich mit Paul Rostetter oder Mike Muzzarelli rede. Man fühlt sich dann nicht mehr ganz so alleine oder wird gar als Spinner von seinem Gegenüber abgetan. Nach zweistündigem Wortwechsel voller Nostalgie und einem Loblied auf die wunderbaren Seiten der handgemachten Musik, nahm ich dann mein Smartphone hervor und drückte auf Aufnahme.

Ja, Jonny zum dritten Mal organisierst du nächste Woche die Musikfestwoche in Trübbach. Was ist dieses Jahr anders im Vergleich zu den letzten zwei Ausgaben?
Vom Konzept her ist nichts anders. Für mich ist es eine Veranstaltung, die dazu dient, meinen Betrieb mit den eigentlichen Konzerten bei einer grösseren Anzahl Personen bekannt zu machen. Was definitiv anders ist… Jedes Jahr wird die Sponsorensuche schwieriger.


Würdest du sagen, dass es heute allgemein schwierig ist mit der Musik und Veranstaltungen auf einen grünen Zweig zu kommen?
Auf jeden Fall. Geld verdienen mit der Musik, egal ob als Band oder als Veranstalter, ist heute kaum noch möglich. Da musst du einfach Idealist sein…


Warum machst du es denn trotzdem noch?
Weil ich Idealist bin. Weil ich gerne Musik habe und gerne glückliche Gesichter sehe an den Konzerten. Wenn das Publikum nach den Konzerten zu mir kommt und sagt: «Boah, war das wieder geil!», dann lohnt sich das alles.

Von 1988 bis 1996 warst du Chef vom Cave. Nun führst du es auch wieder seit 2014, was heisst, dass du inzwischen unzählige Konzerte bereits veranstaltet hast. Hast du in etwa eine Idee, wie viele es sind bis zum heutigen Tag?
Nein, das habe ich nicht. Keine Ahnung…

Sind es schätzungsweise über tausend?
Also in den 80ern und 90ern habe ich praktisch wöchentlich Konzerte veranstaltet – immer an zwei Tagen und das nie an einem Wochenende. Damals hatte man Freitag und Samstag so oder so immer volles Haus, weshalb ich damals vor allem Dienstags/Mittwochs oder Mittwochs/Donnerstags Shows organisiert habe. So kann man sagen, wenn man’s zusammenrechnet, dass ich schon gut bei tausend Konzerten inzwischen bin.


Werden es nochmals so viele?
Nein. Inzwischen mache ich noch 30 bis 40 Konzerte pro Jahr.

Ja, es hat sich natürlich auch alles ein klein wenig verändert… Die Leute gehen lieber nach Zürich, an grosse Openairs, et cetera. Tut dir das weh, dass die lokalen Wirtschaften ein wenig vergessen werden?
Ja, es tut mir sehr weh. Gerade bei den kleinen Konzerten hast du die Nähe zu den Bands und Stars, was die Künstler auch absolut so suchen. Dieser Kontakt geht in grossen Hallen völlig verloren, wenn du das Konzert auf einem Monitor anschauen musst.

Trotz dieser Ausgangslage schaffst du es regelmässig internationale Stars in deinen kleinen Club zu lotsen. Was ist die Magie, dass grosse Acts bei dir spielen?
Was mir zu Gute kommt… Weil wir so eine totale Übersättigung an Konzerten haben, wollen auch die grösseren Bands wieder zurück in die kleineren Lokale. Warum meine Location, die wirklich extrem klein ist zum Zug kommt, beruht vor allem auf dem Fakt, dass ich extrem viele Leute kenne. Wenn die Künstler dann kommen, wissen sie, wo sie hingehen, sie fühlen sich willkommen und das ganze Umfeld ist persönlich, was sie sehr zu schätzen wissen.

Wenn du jetzt auswählen dürftest und das Budget überhaupt keine Rolle spielen würde, welche Band würdest du ins Lion-Cave holen?
Ich sage immer, wenn ich Euromillions gewinne, hole ich Iron Maiden.


Nochmals kurz zurück zum Programm der Musikfestwochen. Ich habe gesehen, dass du da auch wieder auf die Bühne stehst. Wann kommt das erste Album von Ursus Spelaeus?
Ursus Spelaeus - der Höhlenbär - ist inzwischen ausgestorben und deshalb wird es auch kein Album geben. Nein, es ist so, der Dienstagabend an den Musikfestwochen gehört den regionalen Bands, die akkustisch auftreten. Dort hat es sich vom ersten Moment an entwickelt, dass ich mitspielen «musste» und deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, selbst etwas zusammen zu stellen mit guten Freunden und als eine der Bands des Abends aufzutreten.

Du hattest vor ein paar Jahren eine Band namens Matata. Fehlt dir das Musizieren nicht ein bisschen?
Doch, das fehlt mir sehr. Darum bin ich extrem dankbar, dass zum Teil Bands auf mich zukommen und mich bitten, bei einem Song ihr Gast zu sein. Das wird bei den Musikfestwochen bei David Reece sicher auch der Fall sein, auf was ich mich jetzt schon sehr freue. Solche Sachen ziehen einem schon ein wenig, doch das Problem ist eben, durch dass ich das Cave habe, fehlt mir die Zeit für eine Band. Ich hätte schon Zeit, aber eben nicht dann, wenn die anderen Musiker Zeit hätten. Am Wochenende habe ich Betrieb oder auch an den Abenden, wenn jeweils geprobt wird, arbeite ich und kann nicht einfach so weg. Obwohl ich sehr gerne in einer Band aktiv wäre, es geht leider nicht.

Was sind deine Highlights bei den diesjährigen Musikfestwochen oder willst du nichts spezifisch rausstreichen und kannst sagen, dass alles in etwa gleich geil ist?

Ich finde alles gut, weil sonst würde ich es gar nicht buchen. Wie ich Vorwort des Programmhefts schreibe, ich habe viele Leute, die mich nach der nächsten Band fragen und wenn du dann sagst, ja die und die, dann folgt sofort die Gegenfrage «Ja, sind die denn gut?» Dann muss ich jeweils sagen, gut ist alles, was ich buche. Es ist einfach eine Frage des Stils. Entweder man mag den Musikstil oder nicht.

Es ist eben immer auch ein wenig eine Geschmacksache. Jemand der Techno oder Hip Hop hört, muss nicht zu dir ins Cave…

Das ist so, ja. Und technisch weiss jeder was er macht. Das heisst, bei mir steht niemand auf der Bühne, der erst seit zwei Tagen Gitarre spielt. Natürlich hat es an den Musikfestwochen Highlights drunter, zum Beispiel als mich Bonfire angefragt haben, ob sie bei mir spielen dürfen, habe ich zuerst einmal gefragt: «Hey was läuft denn hier?!?» Eine Band wie Bonfire bei mir, erschien mir am Anfang doch ein wenig surreal. Oder auch David Reece... Wenn du schaust, was der für eine musikalische Karriere hinter sich hat, der war bei Accept und Bonfire, was ebenfalls grandios ist. Aber ich nehme auch sehr gerne unbekannte Sachen, welche die Leute bei mir entdecken können.

Inwiefern profitierst du von der Nostalgie?

Das ist ein grosses Ding, das mir echt in die Karten spielt. Ich erhalte heute Anfragen von Bands, bei denen ich oft denke, «Hey hallo, wisst ihr überhaupt wie klein mein Laden ist?» Die Bands müssen heute wieder mehr spielen, denn CDs verkaufen sie keine mehr. Das ist vorbei, bei den Streams verdienst du auch praktisch nichts mehr. Bei Konzerten hingegen hast du die Möglichkeit mit Merchandise noch ein wenig Geld zu machen, wo auch danach etwas hängen bleibt. Sie machen es gerne, sie kommen gerne in die kleinen Clubs, aber sie wissen natürlich auch, dass sie heute an der Menge der Konzerte und nicht mehr an der Menge der Zuschauer ihr Geld verdienen.


Das heisst, mehr Konzerte auf jeder Tour?
Ja, genau. Drei Tage Pause auf einer Tour kann sich kein Act mehr leisten. Denn Hotels kosten auch. Da geben sie lieber nochmals ein zusätzliches Konzert, wo ich als Besitzer von einem kleinen Club profitieren kann.

Du arbeitest noch viel mit Muzzy zusammen. Mich dünkt es auch ihr seid relativ ähnlich gewickelt. Wie funktioniert eure Zusammenarbeit?
Wenn wir Freitag und Samstag eine Show machen, wird für jeden von uns die Gage kleiner und auch die Bands sind viel motivierter, da sie so ein Folgekonzert haben, was sich für sie auch besser rentiert. So arbeiten Muzzy und ich noch öfters miteinander.

Würdest du sagen, Konzerte sterben nie aus?
Jetzt haben wir ja eine riesige Übersättigung bei den Konzerten. Die Leute gehen nicht mehr so viel an Livekonzerte. Früher hat man sich richtig darauf gefreut. Wenn man zur Tür hinaus ging, musste man sich informieren, wo das nächste Konzert stattfindet. Heute geht man zur Tür aus und bereits hinter der nächsten Türe findet ein Konzert statt. Daneben sind die Gratiskonzerte auch ein grosses Problem, denn heute stellt Jeder, der auch nur zwei Quadratmeter zur Verfügung hat, eine Band bei sich rein. Das wäre ja nicht weiter schlimm, aber die Leute können nicht mehr unterscheiden, ob es ein Konzert ist bei dem die Band dem Veranstalter was kostet oder ist es einfach eine Formation, die als Hintergrundmusik gebucht wurde.

Man kann es ja wirklich so festhalten: Eine gute Band mit eigenem Material kostet Geld und dann gibt es noch solche, die Covers spielen hobbymässig und diese kosten eben nichts…


In unserer Region haben wir diverse Bands, nicht nur Coverbands, die einfach spielen wollen. Diese können ohne grossen Aufwand zum Übungsraum raus und spielen in Lokalen wie dem Hirschen oder dem Schäfli, welche normalerweise keine Konzerte veranstalten. Auf der anderen Seite hast du Bands, die auf Tour sind, die Hotelkosten haben, vorab Geld in Produktionen und teure Studios gesteckt haben, et cetera. Das sind dann die Bands, die von der Musik leben. Das ist eigentlich das grosse Problem, dass die Leute in der heutigen Zeit, wo alles gratis ist, diesen feinen Unterschied nicht mehr erkennen. Es gibt zwar auch viele die es unterscheiden können, aber die Meisten haben leider das Gefühl, wenn sie einen Song gratis auf Youtube herunterladen können, dass auch Musik im Allgemeinen einfach gratis sein muss.


Obwohl du ein grosser Verfächter der Gratisqultur bist, verlangst du an den Musikfestwochen keinen Eintritt. Wäre das nicht deine Möglichkeit gewesen, den Leuten aufzuzeigen, dass Musik einen Wert hat?
Das hat absolut mit dem zu tun und zwar dadurch, dass die Musikfestwochen ein Werbeevent sind, bei dem neue Leute erreicht werden sollen, die das Cave bisher noch nicht kannten. Durch das Kennenlernen des Lokals lernen die Leute auch den Rest meines Programms kennen und können sich so dazu entscheiden, vielleicht auch mal ein Konzert im Cave, bei dem Eintritt verlangt wird, zu besuchen. Es ist eine Art Lockvogel-Veranstaltung.


Du hast auch noch einzelne Events an der Musikfestwoche vor deinem Lokal, also als kleines Openair. Reden deine Nachbaren nach den Events noch mit dir oder herrscht da danach ein halbes Jahr Funkstille?
Nein, ich habe es wirklich sehr gut mit den Nachbarn inzwischen. Zwei Jahre lang hatte ich eine Frau in der Nachbarschaft, die wenn sie jeweils nicht schlafen konnte, ihr Fenster öffnete und den Grund dafür immer beim Cave gefunden hat. Die hat mir dann auch regelmässig die Polizei vorbei geschickt, aber seit sie weggezogen ist, habe ich es super mit den Nachbarn. Sie unterstützen den Event sogar durch Sponsoring oder freiwillige Mitarbeit.

Nach dem spannenden Gespräch genossen wir noch ein Dessert im Selva und fuhren nachher durch den strömenden Regen zu seinem Lokal und schossen dort einige Fotos.


Los geht’s mit der Musikfestwoche Trübbach am kommenden Dienstag, den 10. September 2019 mit dem Regio-Akustik-Abend. Insgesamt spielen an fünf Tagen elf Bands im In- und Outdoorbereich von Jonnys Lion-Cave. Der Eintritt ist frei und das detaillierte Programm gibt’s hier.

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