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«Rio Amden Amsterdam» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: zVg.

«Rio Amden Amsterdam» im Soundcheck

Als kleiner Junge erinnere ich mich noch, wie ich ihn im «Benissimo» sah und auch sonst war Michael von der Heide irgendwie ziemlich oft ein Thema in den Medien. Er veröffentlichte in rasantem Tempo und auch ziemlich regelmässig neue CDs. Erstmals an eines seiner Werke gewagt habe ich mich aber erst mit als 16-Jähriger. Damals entdeckte ich gerade Stephan Eicher für mich und durch meine Faszination für die französische Sprache eher zufällig eben auch Michael von der Heide. Mein Einsteigerwerk war wie bei vielen wahrscheinlich sein Album «30°», welches mir heute noch sehr zusagt. Neben dem Megahit «Jeudi Amor» war es vor allem der Song «Bye Bye-Bar», der es mir angetan hatte. Lustig, auch wenn ich heutzutage in die Ferien fliege, muss ich am Flughafen Zürich jedes Mal an dieses Liedlein denken und schmunzeln.

Mir gefiel an von der Heide sofort, dass er sich nicht wirklich allzu viele Sorgen um die Meinung der Leute machte und auf Mundart, Hochdeutsch und Französisch sang. Dies faszinierte mich, denn so wurden seine Alben nie wirklich langweilig und blieben stets abwechslungsreich. Wenig später erweiterte ich meine Sammlung rasch mit «Tourist», dem selbstbetitelten Debüt und dem Album «2pièces». Nach dem Album «Freie Sicht» aus dem Jahr 2008, welches ich mir noch in einem Brockenhaus besorgt habe, verlor ich Michael fast ein wenig aus den Augen. Das mit dem Eurovision fand ich nicht so prickelnd und seine Begeisterung für Paola konnte ich nicht wirklich nachvollziehen, weshalb ich erst durch einen lustigen Zufall erneut auf seine Diskografie stiess. Es war nämlich so, dass seine Cousine Ursina Marti mit mir gemeinsam bei Radio L arbeitete und wir eines Tages ein wenig ins Plaudern kamen. Ich fand es irgendwie spannend, wie sie als Verwandte die Lieder ihres Cousins bewertete und musste doch auch irgendwie lachen, dass ich Michael auf Facebook als Freund hatte und sie eben nicht.

Dank dieser Diskussion mit seiner Cousine entdeckte ich seine Alben erneut und werde mir vielleicht irgendwann in einem ruhigen Moment auch einmal das Paola-Tribut-Album und die anderen verpassten Platten zu Gemüte führen. Jetzt steht aber das neue Album «Rio Amden Amsterdam» auf dem Programm, also hören wir mal rein.

«Eiskalter Sommer»
Kennen Sie den Klang von einem verrauchten Jazzbistro? Der Albumeröffnungstrack liefert den perfekten Soundtrack zu diesem Bild. Die Jazznummer, die gegen Schluss ziemlich an Fahrt aufnimmt, begeistert und ich bin immer wieder fasziniert wie Von der Heide es schafft, ohne den bäuerlichen Schweizer Akzent in sauberem Hochdeutsch ins Mikrofon zu hauchen, so dass man ihm wirklich gerne zuhört.  

«Ce soir»
Das zweite Stück des Albums bildet das Duett mit Daniela Simmons, welches nach feinstem Pop-Rock klingt und sicher bei einigen Radios in Kürze in die Heavy Rotation genommen werden könnte. Eine ziemlich starke Ballade, die unter die Haut fährt und in den Ohrgängen hängen bleibt.

«In dieser Stadt»
Hier kommt erstmals der Chansonnier raus und Von der Heide erzählt, Geschichten, die nur das Leben in einer Stadt schreiben kann. Die jazzige Mid-Tempo-Nummer gefällt vor allem durch den sehnsüchtigen Unterton, den der Sänger in den Text und die Komposition von Charly Niessen legt. Gelungener Track, der einzig offenlässt, welche Stadt denn nun wirklich gemeint ist.

«Tüüf underem Schnee»
Endlich wird klar, warum das Amden im Albumtitel steht. Dieser Song hat etwas von den Liedern von Tinu Heiniger, ist verspielt und bekommt sogar noch ganz gegen den Schluss einen leichten Zirkus-Musik-Anstrich, was doch recht lustig klingt und die leichte Melancholie zwischen den Tönen vergessen lässt.

«Träume»
Endlich covert mal jemand einen anderen Song von Rio Reiser als «Junimond» oder «König von Deutschland». Die Poesie des grossen deutschen Denkers, erhalten durch die Interpretation von Michael und dem Arrangement von Øyvind Brække eine neue Tiefe bei der man gerne genauer hinhört und staunt, welch grosser Texter Reiser doch gewesen ist.

«Ein Tag aus Papier»
Der erste Text auf dem Album bei dem Michael von der Heide selbst beim Text mitgeschrieben hat, ist eine swingige Angelegenheit, die einem zurücklehnen und geniessen lässt. Die Hymne auf einen Neuanfang, bei dem er dem Ort seiner Kindheit Tribut zollt, ist dank der Kreativität von Heidi Happy, die im Hintergrund einige musikalische Feinheiten versteckt hat, ein Lied, welches ich sicher noch öfters anhören werde.

«Abschied von der Nacht»
Das komplette Kontrastprogramm kommt mit dem nächsten Lied der Platte, bei dem MvdH mit Heidi Happy ein tieftrauriges Duett singt. Ich hatte den wohligen Klang ihrer Stimme schon fast ein wenig vergessen. Danke Michael für’s erneute daran erinnern, mir von der Luzernerin wieder mal eine Platte zu gönnen. Der «Abschied von der Nacht» ist bei diesem Lied wirklich wortwörtlich zu nehmen, denn wenn die beiden gemeinsam musizieren, geht trotz der Traurigkeit tatsächlich nach kürzester Zeit die Sonne auf.


«S’il pleuvait des larmes»
Mit viel französischem Charme interpretiert Michael den Text von Boris Vian und weckt damit bei der Zuhörerschaft das Fernweh. Eine spannende Technik zeigt auch der Gitarrist auf diesem Werk, der sein Handwerk des Zupfens definitiv erlernt hat. Solch ein Song gehört einfach auf eine typische MvdH-Scheibe, denn hier hört man, was ihn unter anderem bekannt gemacht hat.

«Zuhause konnte ich es noch»
Wie klingt es, wenn drei Legenden zusammenspannen? Ziemlich humoristisch und verdammt groovig, wie es dieses Beispiel beweist. Der witzige Text ist von Boni Koller (Baby Jail / Schtärneföifi), die Musik dazu vom Popstar Adrian Stern und mit viel Schalk im Naken trägt Von der Heide das Stück vor, wobei man fast ein wenig das Gefühl hat, dass er einige der Situationen ähnlich auch selbst so erlebt hat. Ein wirklich toller Song, der «an jedera Hundsverlochete» gespielt werden könnte.

«Il est mort le soleil»
Ganz gegen Schluss packt von der Heide noch eine epische und gefühlsvolle Ballade auf sein zwölftes Album. Bei so einer Nummer läuft Patricia Kaas wahrscheinlich das Wasser im Mund zusammen, da sie hier ganz gut auch selbst brillieren könnte und die Nummer in ihrem Repertoire ebenfalls eine Berechtigung hätte.

«Kurz vor Acht»
Das sprachliche Chamäleontut es erneut mit Heidi Happy und einer minimalistischen Piano-Begleitung. Die Geschichte einer Bekanntheit berührt vor allem durch poetische Bilder, feine Einsätze einer Jazztrompete und die hohen Töne im Refrain, die Von der Heide trotz seinen 47 Jahren erstaunlicherweise immer noch federleicht erreicht.

«Etrange garçon»
Mit einem feinen Chanson schliesst der St. Galler sein Album ab. Da hat er sich einen ziemlich virtuosen Pianisten an Bord geholt, der ihm in den richtigen Momenten Platz zum Erzählen lässt und trotzdem dem Lied einen roten Faden verleiht.

Schlussfazit:
Michael von der Heide’s neues Album «Rio Amden Amsterdam» ist ein abwechslungsreiches Album, dass sich federleicht in seine Diskografie einfügen wird und zeitlose Hits liefert. Die jazzigen Einflüsse stehen ihm gut und trotz diesen neuen Klängen verliert er seinen eigenen Sound nie komplett aus den Augen. Auch wenn er wenige Lieder selbst getextet hat, ist es doch auch eine anspruchsvolle Aufgabe, die richtigen Nummern zu picken und mit den richtigen Leuten wie beispielsweise dem Starproduzenten Thomas Fässler an der Umsetzung zu arbeiten. Dieser, Heidi Happy und andere lassen Von der Heide in den richtigen Momenten scheinen und brillieren. Er, der durch das Interpretieren, jedes Lied federleicht in eine unverkennbar typische Michael von der Heide-Nummer verwandeln kann, ist nach wie vor relevant in der Schweizer Musikszene. Er zeigt mit viel Gefühl in der Stimme, einer ansteckenden Freude an der Sache und einer nach wie vor überragenden Wandelbarkeit, dass auch 2019 mit ihm gerechnet werden darf.

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