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Ein Gipfeltreffen der Wortakrobaten
Bild/Illu/Video: zVg.

Ein Gipfeltreffen der Wortakrobaten

Wie ist ursprünglich die Idee zum Festival «Kolumination» entstanden?

Ich weiss nicht mehr, was zuerst war, das Sprachspiel von Kolumne und Kulmination, oder der Gedanke, dass Kolumnen in den Medien eine zunehmende Rolle spielen, aber es für sie noch keinen Anlass gibt. Jedenfalls haben diese beiden Stränge zur Kolumination geführt.

Warum findet es auf dem Säntis statt?

Das Säntis-Massiv ist ein Solitär in der Ostschweizer Landschaft und ein gut erschlossener Gipfel, von dem aus man Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein im Blick hat. Für den spiritus rector Reini Frei, den Appenzeller Alt-Regierungsrat und ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten der Säntis-Bahn Hans Höhener und mich war der Säntis praktisch gesetzt. Er hat sich bei der ersten Durchführung von seiner besten Seite gezeigt.


Was sollen die Beiträge von Kolumnisten und Slammern beim Publikum auslösen?
Die Beiträge sollen zum Nachdenken anregen, aber auch zum Schmunzeln. Und sie sollen die Freude an der Sprache vermitteln, denn die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken.


Welche Wichtigkeit haben Kolumnen und Meinungen in Zeiten von Fake-News?
Es gibt zwei gegenläufige Thesen. Die einen behaupten, es bestehe ein grosser Bedarf an fundierten und gut belegten Fakten, und nicht an Meinungen, die anderen sagen im Gegenteil, Kolumnen von Autorinnen und Autoren, die sich durch ihre Arbeit das Vertrauen der Leserschaft erarbeitet haben, seien als Orientierungspunkte besonders wichtig.


Können solide Kolumnen die Zeitungsbranche retten?

Die Medienlandschaft macht einen grundlegenden Wandel durch, hin zu vielen neuen Formen der Kommunikation, Online, Social Media, Podcast, Video. Deswegen haben wir bewusst auch Slammer im Programm. Und ja, natürlich spielt die Qualität des Angebots für die Entwicklung der Medien eine grosse Rolle. Gute Kolumnen werden gelesen und geteilt.


In diesem Jahr treten sechs der bekanntesten Kolumnistinnen und Kolumnisten sowie drei führende Slammer auf – jeweils aus der Schweiz, aus Deutschland und Österreich. Wie wichtig ist es euch als Verein den Austausch über die Grenzen hinaus zu fördern?

Die drei DACH-Länder standen von Beginn weg im Zentrum. Das Thema der ersten Kolumination lautete «Grenzen», nicht nur, aber auch im geografischen Sinne. Wir werden sicher auch einmal jemanden aus Liechtenstein oder, wer weiss, aus dem Südtirol einladen.


Auffallend viele Kolumnistinnen und Slammerinnen sind bei euch zu Gange. Wie wichtig ist euch aufzuzeigen, dass der Journalismus von der Gleichberechtigung profitiert?

Die Vielfalt spielt bei den Einladungen eine Rolle, aber sicher keine dominante. Nur die geografische Verteilung versuchen wir strikt zu beachten. Die Gender-Verteilung ist wohl eher zufällig, mal sind es mehr Frauen, mal mehr Männer. Aber der hohe Frauenanteil zeigt wohl einfach, dass es viele gute und bekannte Kolumnistinnen und Slammerinnen gibt.

Die diesjährige Veranstaltung beschäftigt sich mit dem Thema «Leistung». Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir wählen bewusst jeweils ein Thema, das sehr vielschichtig und breit ist und somit zahlreiche Anknüpfungspunkte für Kolumnen und Slams bietet. So ist Leistung zunächst eine physikalische Grösse im Sinne der in einer Zeitspanne umgesetzten Energie oder der Arbeit pro Zeiteinheit. Spannender ist jedoch der gesellschaftliche und wirtschaftliche Begriff der Leistung. Meint Leistung eher die Anstrengung, den Input, oder doch eher das Resultat, den Output? Oder anders: Ist das Gegenteil von Leistung die Faulheit oder der Misserfolg? Und verwandt damit: Ist der Erfolg, der einem in den Schoss fällt, keine Leistung? Natürlich haben wir bei Leistung stark an das Wirtschaftsleben gedacht, an Leistungsdruck, Leistungslöhne und Leistungsgerechtigkeit. Aber Leistung durchzieht viele Bereiche des Lebens wie Sport, Wissenschaft, Qultur oder Politik. Gibt es zwischen diesen Bereichen Unterschiede? Bewertet der Markt Leistungsunterschiede weniger streng als der Sport, wo oft «the winner takes it all» gilt? Schliesslich: Wie steht es um kulturelle Unterschiede? Sind bestimmte Gesellschaften und Kulturen weniger leistungswillig und leistungsfähig als die erfolgreichen, reichen Industrieländer? Oder haben sie schlicht einen anderen Leistungsbegriff?


Welche Leistung war es, so einen Event in Zeiten von Corona überhaupt auf die Beine zu stellen?

Gestartet sind wir mit der ersten Kolumination zum Glück vor der Pandemie. Aber dann mussten wir den für letztes Jahr geplanten Anlass absagen bzw. auf dieses Jahr verschieben. Wir mussten also sehr flexibel sein und uns ständig an die gegebenen Massnahmen anpassen. Umso mehr freuen wir uns, wenn die Veranstaltung ein Erfolg wird.


Am Festival erhält Axel Hacke auch noch den «Preis der Kolumination». Weshalb ist die Wahl dieses Jahr auf ihn gefallen?
Hacke ist zweifellos einer der bekanntesten und profiliertesten Kolumnisten Deutschlands. Er ist gewiss nicht unpolitisch – was ist schon unpolitisch? –, aber er ist vor allem ein Meister der feinen Beobachtung auch des Alltagsgeschehens. Bei der ersten Kolumination haben wir einen explizit politischen Kolumnisten ausgezeichnet, Beat Kappeler, mit Hacke zeigen wir die grosse inhaltliche und stilistische Breite der Textform «Kolumne» auf.


Wie wichtig ist es euch, auch Personen für aussergewöhnliche Arbeit zu ehren?

Unsere Preisträger zeichnen sich durch aussergewöhnliche Arbeit aus. Sie sind naturgemäss schon etwas älter, denn es geht um die Auszeichnung für ein Lebenswerk. Kriterien sind etwa der Umfang des Werkes, die Aufmerksamkeit, die die Texte erreichen, vielleicht die Fixierung auf ein spezielles Thema, eine pointierte Haltung oder auch ein spezieller Stil.


In eurer Medienmitteilung steht, dass auch für musikalische Umrahmung gesorgt ist. Was kann man sich darunter vorstellen?

Der gesprochenen Sprache tut es gut, wenn sie von Musik umrahmt wird. Und gerade für die Teilnehmer die von weit her anreisen, aus Berlin, München, Wien oder auch Zürich, ist etwas Lokalkolorit ein Gewinn. Da ist es hilfreich, dass es in den beiden Appenzell eine sehr lebendige Musikqultur gibt, viel Traditionelles, aber auch moderne Weiterentwicklungen.


Mehr Informationen zum Festival findet ihr hier.


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