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El Gomero – ein Portrait
Bild/Illu/Video: Lucas j. Fritz

El Gomero – ein Portrait

Er macht zuerst eine Pause, bevor es weitergeht. Geduldig stehe ich und warte. Mein Kopf ist leer, von der langen Wanderung durch die Berge. Meine Beine sind müde und mein Herz voll stiller Freude am Leben und erlebten. Irgendwann steigt der Busfahrer wieder ein, ob wir nun schon zu spät sind und der Busfahrer seinen Zeitplan einhält oder nicht ist mir gleichgültig. In den Wochen meines Aufenthalts auf La Gomera habe ich eines immer wieder gelernt. Hier ist die Zeit und das befolgen von Plänen weniger wichtig als zuhause. Hier geht es nicht um Pünktlichkeit und Perfektion, sondern um Geduld und Menschlichkeit. Was ich damit meine, zeigt sich irgendwo zwischen den kommenden Zeilen.


Einige Wanderer steigen vor mir in den Bus ein. Ich gedulde mich wortlos. Dann trete auch ich in den Bus, sage wo ich hinwill und bezahle mein Ticket. Dann setze ich mich, an den meiner Meinung nach besten Platz in einem Bus; ganz vorne beim Fahrer. Das habe ich bereits zuhause in der Schweiz immer getan, weil ich morgends vor der Arbeit aus Müdigkeit mit niemanden sprechen und niemanden ansehen wollte und weil ich abends gerne die Landschaft betrachte und auch dem Busfahrer gerne zuschaue. Weshalb ich letzeres mit Vergnügen tat und immer noch tue, kann ich nicht in Worte fassen. Ich liebe es einfach mich dort vorne hinzusetzen und die Fahrt zu geniessen. Ich hoffe sogar vor dem Einsteigen, dass dieser Platz doch bitte noch frei sein würde für mich. Früher, als Kind fuhr ich gerne Bus und auf eine frühe Frage meiner Mutter, was ich im Leben werden wolle, antwortete ich; Busfahrer. Mir scheint der Beruf der Busfahrerschaft gefallen zu haben. Ich bewunderte die Männer, wie sie lässig das Lenkrad bewegten, und mit einer Perfektion, die ihresgleichen sucht, durch enge Serpentinen einen Hang hinauffuhren. Doch dieses Portrait soll nicht von mir, sondern von einem ganz bestimmten Busfahrer handeln.


So sitze ich also im Bus auf La Gomera und freue mich auf die bevorstehende Fahrt durch Täler und den Urwald der Insel. Der Fahrer, ich nenne ihn El Gomero, sitzt schräg links vor mir und lässt den Motor an. Das gesamte Fahrzeug vibriert. Dies ist eine angenehme Massage für meine von der langen Wanderung verspannten Muskeln. Ein Gomero ist ein Ureinwohner. Diese Bedeutung des spanischen Wortes Gomero gilt allerdings ausschliesslich für die Bezeichnung der Bewohner der Kanareninsel La Gomera. Gomero wird im Spanischen sonst als Gummibaum übersetzt. El Gomero – unser Busfahrer, der sein gesamtes Leben bereits La Gomera als seine Heimat bezeichnet, setzt den Bus in Bewegung. Er trägt wie alle Fahrer der Busverkehrsfirma Guagua Gomera grün-schwarze Kleidung. Das sorgfältig gebügelte Hemnd hat einen helllgrünen Farbton, die Hose ist pechschwarz. Seine Schuhe sind ebenfalls von schwarzer aber glänzender Farbe. Am rechten Arm trägt er verschiedente Leder- und Schnurbändeli, im Gesicht eine weisse Maske. Der Mann ist sonnengebräunt, hat braune Augen und trägt seine Glatze mit Würde. Sein Blick ist von einer Intensität, wie von einem Mann, der viel Energie hat, weil er genau weiss war er will, welche Haltung er besitzt und danach handelt. Handlung durch Haltung. Freundlicher aber energiegeladener Blick, aufgrund Haltung durch Handlung.


Als wir losfahren, ist er nicht angeschnallt. Das zeigt mir seine Selbstsicherheit und so lasse auch ich das Anschnallen sein. Ich vertraue dem Busfahrer so wie er den anderen Automobilisten zu vertrauen scheint. Wir fahren von der End- bzw. Anfangsstation am Rande der Kleinstadt Vallehermoso im Nordwesten der Insel in Richtung Valle Gran Rey, dem beliebtesten Touristenziel der Insel. Auf der Fahrt sieht der Fahrer noch einige verlorene Touristen, die auf der Suche nach der Bushaltestelle zu sein scheinen, hupt, winkt und hält dann mitten auf dem Dorfplatz an. Die Tür geht auf, die Leute steigen ein, bezahlen ihre Tickets, dann geht die Fahrt weiter.


Wir fahren durch die engen Strassen des Dorfes und jedes Mal wenn der Busfahrer jemanden sieht, den er kennt, hupt er sanft ein- oder zweimal und winkt dazu, je nach dem wie sehr er auf die Strasse sehen muss. Er hupt sanft und schnell. Scheinbar kennt er das gesamte Dorf. Die Fahrt geht weiter. Der Fahrer schaltet hin und her zwischen den Gängen. Das Fahrzeug scheint mir in die Jahre gekommen zu sein, denn das Lenkrad sieht bereits ziemlich abgenutzt aus. Vom stehten hin und her lenken in den unzähligen Jahren, löste sich teilweise das Leder. Der Wagen brummt und fährt mit aller Kraft die Strasse hinauf. Ich sehe, dass der Busfahrer mit Servolenkung fährt und erkenne, dass der Wagen doch nicht so alt sein kann, wie ich angenommen habe. El Gomero lenkt den Wagen mit einer bestimmten Lässsigkeit, wie nur Busfahrer es können.


Irgendwann auf einer längeren Gerade krammt er seine Sonnenbrille einhändig aus der Hemdtasche und setzt sie sich auf. Mit der linken Hand hält er zwischenzeitlich das Lenkrad fest. Mit der Sonnenbrille im Gesicht, sieht er nun wie die personifizierte Lässigkeit aus. Ich unterdrücke ein Glucksen, dass meiner freudigen Überraschung entstammt. Unter meiner Maske, die ich leider tragen muss, grinse ich bis über beide Ohren. Wäre ich Busfahrer, so näme ich mir diesen Mann zum Vorbild. Ich hoffe ich veranschauliche meine Hochachtung für Busfahrer deutlich genug.


Die lange Gerade ist zu Ende gefahren. Wieder folgen Kurven und irgendwann steht da plötzlich ein alter Mann mit Stock mitten im Nirgendwo am Rande der Strasse. Der Busfahrer drosselt das Tempo und fährt mich unverkennbarem Respekt und mit Achtung vor dem Alter an den Strassenrand und öffnet die Türe mittels Knopfdruck. An diesem Ort im Nichts, befindet sich keine Bushaltestelle und dass der Fahrer anhält, liegt vermutlich daran, dass der Alte alt ist. Dann steigt er Alte ein, schwatzt mit dem Fahrer, zahlt sein Ticket und setzt sich hin. Dann geht die Fahrt weiter.


Der Mann sitzt direkt hinter dem Fahrer links von mir. Ich bekomme fast Gewissensbisse, weil ich annehme, dem Alten seinen Platz geklaut zu haben. Von dem Gespräch der beiden verstehe ich kein Wort und wenn ich es täte, ginge es mich nichts an. Mitten im Nirgendwo weist der Mann mit Stock mit dem Finger seiner freien Hand vor Altersschwäche zitternd auf eine unscheinbare Nebenstrasse. Der Fahrer biegt ab und fährt einige Zeiit durch fast schon Urwaldiges Dickicht und lässt den Mann schliesslich raus. Der Alte meint zum Busfahrer noch so etwas wie «morgen wieder um dieselbe Zeit». Dieser nickt, bejaht die Aussage des Alten und fährt dann nach einem Gruss und Winken mit der Hand zurück auf Hauptstrasse.


Wieder fahren wir Kurve um Kurve und bei den engsten und daher gefährlichsten Kurven ohne Sicht auf den weiteren Strassenverlauf, hupt der Fahrer ein- oder zweimal, um die entgegenkommenden Automobilisten auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Bei Chorros de Epina gabelt er zwei verloren wirkende deutsche Neu-Hippie-Frauen auf und setzt seine Fahrt fort.


Es folgt das unerwartet Erwartete. Wir fahren um eine enge Kurve und plötzlich steht da im Verhältnis zur Strassenbreite ein riesiges Reisecar-Automobil. Es wäre beinahe zum Zusammenstoss gekommen. Ich behaupte, dass es sich nur um Zentimeter gehandelt haben kann. Doch zum Glück ist nichts geschehen. Der Fahrer schien keine Gefühlsregung zugelassen zu haben und fährt nach kehren und Platz schaffen fürs Reisecar im gleichen Trott weiter.


Die Strasse führt mitten durch den Urwald. Die Bäume wachsen von den Strassenrändern aus bis fünf Meter über der Strasse in der Mitte fast zusammen und verdunkeln so die Umgebung. Die Strecke im Urwald ist lange und gerade. Wir scheinen auf einem Bergkamm zu fahren, dann fahren wir aus dem Urwald hinaus in plötzlich grelles Licht. Einige Zeit später kommt die nächste Haltestelle schon von fernher in Sichtweite. Die Station, an der ich eigentlich aussteigen wollte, liegt noch in weiter Ferne, doch ich möchte dieses Portrait unbedingt zu Papier bringen und so steige ich aus, setze mich an den Strassenrand und schreibe.


El Gomero ist mein Dankesgeschenk an die Insulaner und zwar an alle; Einheimische, Hippies und sesshaft gewordene Touristen. Ihre Freundlichkeit und Offenheit, ihre gesamte Liebenswürdigkeit ist mir ans Herz gewachsen. Hier auf La Gomera ist die Welt noch in Ordnung. Hier kann man auf kleinstem Platz vollkommen abgeschieden und allein durch die Berge wandern ohne jemanden zu begegnen. Ebenso gibt es hier Gemeinschaften von Hippies und Einheimischen voller Harmonie und Liebe. Danke für Alles du traumhafte Dracheninsel.

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