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«Endloses Warten»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Endloses Warten»

Jean-Pierre wartete. Er wartete darauf, dass sich seine Zahnschmerzen verflüchtigten. An jenem Tag war er beim Zahnarzt gewesen und hatte sich einen Weisheitszahn ziehen lassen. In den Wochen davor plagten ihn Zahnfleischentzündungen, weil der Zahn zu wenig Platz im Mund hatte. Die Schmerzen wurden unerträglich als Jean-Pierre mit seiner Freundin stritt und die ihm vor lauter Wut  eine Ohrfeige gab. Dass man blutig geschlagen werden konnte, wusste JP, doch das eine Ohrfeige ohne Ringe an den Fingern blutig enden konnte, war ihm neu. Seine Freundin schlug ihn blutig. Sie hatte sich die Backe gewählt, wo der schmerzende Zahn sass. Sein Mund füllte sich mit Blut. Seine Backe schwoll an und bereitete ihm höllische Schmerzen.


Jean-Pierre war ein Mann. Und zu seiner Zeit weinte ein Mann nicht vor einer Frau, auch wenn es seine Ehefrau war. Jean-Pierre bis sich nur noch sprichwörtlich auf die Zähne, verliess das Haus und stieg in seinen Wagen. Ausser Sichtweite des Hauses, mitten im Feld hielt JP an und weinte. Weinte bis keine Tränen mehr kamen. Dann riss er sich zusammen und fuhr zum Zahnarzt. Der Zahn wurde ihm gezogen.


Er sah aus wie ein Hamster, mit seiner bis zum geht nicht mehr geschwollenen Backe. Zum Lachen war ihm nicht zumute, er tat es trotzdem, unter Schmerzen. JP nahm sich ein Hotelzimmer und legte sich hin. Seine Freundin wollte er heute nicht mehr sehen. Ihm wurde bewusst, wie er so im Bett da lag und zur Zimmerdecke starrte, dass seine gesamte Existenz darauf beruhte zu warten bis die Schmerzen nachliessen. Er war nicht im Stande etwas anderes zu tun. Er konnte nicht richtig denken vor lauter Schmerzen und konnte nichts tun.


Und wie er so da lag, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er auf so manches in seinem Leben wartete. Die Lohnerhöhung schien nie eintreffen zu wollen, seine Träume und Wünsche erfüllten sich selten. Auch wartete JP darauf glücklich zu werden. Nur der Lohnerhöhung wegen arbeitete er in der Bank. Er lebte hier in den Bergen, wo es im Winter fürchterlich kalt wurde. Dabei wünschte er sich ein Leben am Meer. Er wünschte sich eine Bar am Strand irgendwo in Sardinien zu eröffnen, zu fischen und zu das Leben zu geniessen. Warum tat er es bloss nie? Auf was wartete er? Geld hatte er bereits ordentlich zusammengespart. Das einzige was ihn davon abhielt sich seinen Traum zu erfüllen, war er selbst. Die Ungewissheit ängstigte ihn.


Seine Freundin trieb ihn immer und immer wieder zur Weissglut, weil sie wollte, dass er sich seinen Traum erfüllte. Der arme Jean-Pierre wurde sich mehr und mehr bewusst was für ein unglückliches Leben er führte. Ihm war zum Weinen zumute.


Dann weinte er erneut. Zum zweiten Mal an diesem Tag. Das war ihm seit seinem 14. Geburtstag nicht mehr passiert. Er weinte wie ein kleines Kind. Verzweifelt wie er war mit sich selbst, schluchzte er: «Was will ich denn noch hier? Los geh, geh endlich, bevor du wieder die falsche Vernunft annimmst!» Seine Wut und Verzweiflung liess ihn die Schmerzen komplett vergessen.


Jean-Pierre fuhr nach Hause. Dort wartete seine Freundin. Er trat zur Türe ein und sah sie lange an. Wie schön sie doch war. Sie war nicht mehr wütend. Dann erzählte er ihr von seinem Entschluss. Ohne Worte umarmte sie ihn und gemeinsam packten sie ihre Sachen und fuhren gen Süden.


Sie fuhren gen Süden dem Traum entgegen, der bald keiner mehr sein würde. Heute war ein guter Tag. Der erste Tag an dem Jean-Pierre auf sein Herz statt seinen Verstand hörte.

























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Wenn wir annehmen, akzeptieren und loslassen können, werden wir nie unglücklich sein. Wenn wir das Leben so hinnehmen und akzeptieren wie es ist, können wir unsere Energie darauf verwenden Gutes zu schaffen. Im Leben von Lucas Fritz, einem 19-jährigen lese- und schreibbegeisterten jungen Mann, hat der Fokus auf das Wesentliche oberste Priorität. Im 2020 hat er seine Lehre zum Kaufmann abgeschlossen und stieg in die Arbeitswelt ein. Ein Ausgleich zum monotonen Alltag im Büro ist für ihn das Schreiben. Lucas beschäftigt sich vor allem mit philosophischen Gedanken rund um Themen wie «ein einfaches Leben führen» und «den Sinn des Lebens erkennen». Neben dem Beruf als Kaufmann ist Lucas ein begeisterter Sportler und viel mit Freunden unterwegs.

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