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Jugendsorgen
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Jugendsorgen

Worüber Fritz sich so häufig Gedanken machte? Na was wohl. Worüber denken scheue Jungs nach? Sie wünschen sich eine Freundin oder einen Freund. Im Fall Fritz war es der Wunsch nach einer Freundin, der er alles anvertrauen konnte und die ihn liebte und die auch er bedingungslos lieben konnte. Er brauchte jemanden, dem er vertrauen konnte in diesen jungen Jahren, in denen so viel von ihm gefordert wurde und so wenige Menschen wirklich zuhörten. Seit er vor anderthalb Jahren seine Lehre als Gartenbauer begonnen hatte, wurde er bei der Arbeit ständig herumkommandiert. Es gefiel ihm nicht, dass er sich von besserwisserischen Männern, die mehr Muskeln als Hirn hatten, schikanieren lassen musste, nur weil er eben der Lehrling war. Wenn er dann das Gleiche mit den verblödeten Männern tat, verpetzten diese ihn an den Chef, worauf er sich von diesem Vollidioten anschreien lassen musste. Wer er eigentlich dächte, dass er wäre! Was ihm eigentlich einfiele! – jedes Mal folgte die übliche Standpauke. Die Lehrer in der Schule waren nicht besser. Ständig wollten diese halbstarken alten Säcke den Schülern beweisen, dass sie es im Leben zu etwas gebracht hatte. Niemand liess den jungen Fritz wirklich in Ruhe. Die Lehre und die Berufsschule wären so viel ruhiger verlaufen, wenn man die Schüler einfach machen lassen hätte. Fritz war kein fauler Junge, er wurde faul, weil die Schule sinnlos und die Aufgaben bei der Arbeit einfach nur langweilig waren. Die Lehre nahm ihm den Wind aus den Segeln seiner Leidenschaft für den Gartenbau, die er ganz zu Beginn des neuen Lebensabschnitts gefühlt hatte. Nun ging es ihm einfach nur noch darum die Lehre abzuschliessen so gut es eben ging. Was danach kam, war dem Fritz im Augenblick gleichgültig. Er wollte einfach nur hier weg.


Das mit dem Wunsch nach einer Freundin schien sich nicht wirklich umsetzen lassen zu wollen. Es lag nicht daran, dass Fritz sich es nicht genug wünschte, er wusste nur nicht wie er es tun sollte. Musste er etwa einen Plan vorbereiten? Wie erobere ich eine Frau? Und dann, was kam danach? Nach der Eroberung wollte er die Freundin doch behalten, er wollte sie nicht wieder hergeben im Sinne der Liebe. Ach hätte er doch einen grossen mutigen Bruder gehabt, den er alles hätte fragen können. Wie anders wäre sein Leben wohl verlaufen, hätte ein grosser Bruder ihn überallhin mitgenommen und ihm alles gezeigt und erklärt. Seine Freunde konnte er nicht fragen, die hatten alle eine Freundin, und die waren der Ansicht Fritz wollte keine – weil er ihnen das so gesagt hat, vor lauter Scham noch nie mit einem Mädchen geschlafen zu haben. Dabei war Fritz nun fast 18 Jahre alt.


Fast wäre er Klassenerster geworden in der Disziplin «wer schläft zuerst mit einem Mädchen» doch er traute sich nicht. Er hatte schon damals nicht den Mut, mit dem Mädchen, mit dem er damals im Alter von 14 Jahren zusammen war, zu schlafen. An ihr lag es nicht. Sie wollte sichtlich, er merkte das sogar. Manchmal war es ihm regelrecht unangenehm, wenn sie ihn im Bett beim Kuscheln in den Schritt fasste oder ihre Beine um eines seiner Beine schlug und er ihren gesamten Körper fühlen konnte. Das bestimmte Frauen schon mit 14 Jahren so sexgeil waren? Es lag auch nicht daran, dass er mit 14 Jahren nicht wusste wie er ein Kondom zu benutzen hatte und worauf er sonst noch beim Sex zu achten gehabt hätte. Die Theorie sass, nur die Praxis wollte er nicht. Er verstand die Welt nicht, und nun vier Jahre später stand er kurz vor dem Verzweifeln. Warum wollte er sich damals nicht auf das Mädchen einlassen? Was hatte ihn daran gehindert? Was hinderte ihn nun? Wie anders wäre sein Leben wohl verlaufen, wenn er es damals getan hätte. Ach hätte er doch mit dem Mädchen von damals geschlafen, dann müsste er sich heute nicht mehr als Jungfrau bezeichnen.


So ganz in sein Selbstmitleid versunken, hatte er nicht bemerkt wie sich das einzige Mädchen seiner Klasse in der Berufsschule neben ihn gesetzt hatte und ihn ansah. Sie machte sich wohl ebenso Gedanken darüber, was den Fritz denn so beschäftigte. Sie hiess Alexandra, verlangte aber von allen, dass sie Alex genannt wurde. Ein bubenhaftes Mädchen, sie gefiel Fritz und umgekehrt schien es sich ähnlich zu verhalten. Fritz war kein Schönling, aber trotzdem gutaussehend und Alex wird nicht die dünnste Frau auf Erden, aber was konnte man schon von einer Gartenbau-Lehrtochter erwarten. Ihr Gesicht war zum träumen schön, aber bisher hatte sie allen Jungs der Klasse eine Absage erteilt. Fast alle hatten es bei ihr versucht, nur der scheue Fritz nicht, der es aus Mangel an Selbstvertrauen gar nicht erst versucht hatte.


So sassen die beiden schweigend nebeneinander. Fritz weiterhin in seinen Gedanken versunken und Alex darauf wartend, dass er sie bemerkte. Als weitere Minuten tatenlos verstrichen, rückte sie ihm näher. Ob er das bemerkte und auch richtig verstand? Endlich sah Fritz auf und erschrak fast. Mit Alex hätte er jetzt nicht gerechnet. Hoffentlich hatte man ihm nicht angesehen weswegen er sich selbst bemitleidet hatte. Sie würde ihn bestimmt auslachen, wenn er ihr erzählen würde, dass er noch nie mit einem Mädchen geschlafen hatte. Wenn er wüsste. Das Mädchen war wie er, hatte wenig Selbstvertrauen, weil sie noch nie mit einem Jungen geschlafen hatte. Sie redeten ein wenig miteinander über anstehende Prüfungen und ihre Sorgen. Gemocht hatten sie sich beide schon seit Schulbeginn, aber eher als Freunde nicht als ineinander Verliebte. Sie konnten offen über alles reden, nur das Thema um den Sex hatten sie bisher immer gemieden. Bis heute zumindest. Alex fragte ihn, warum er in letzter Zeit so oft alleine sein wollte und über was er ständig nachdachte. «Weisst du», begann Fritz sich bereits selbst hassend für den Mut, den er so mühevoll aufgebracht hatte, für die Worte, die er jetzt aussprechen wollte, «ich habe noch nie mit einem Mädchen geschlafen. Dafür bin ich viel zu schüchtern und es ist nicht so, dass ich nicht wollte. Darüber denke ich in letzter Zeit so viel nach und ich weiss einfach nicht, was ich tun soll.» Nun war es raus. Diese Worte hatte er noch zu niemanden in der Welt gerichtet. Wie beängstigend erleichtert es sich anfühlte. Doch wie würde Alex reagieren? Was würde sie dazu sagen, dass er mit 18 Jahren noch Jungfrau war? Zu seinem Erstaunen lachte sie ihn nicht aus, sich stand auch nicht auf und lief davon, nein sie blieb. Alex blieb und sah Fritz an. Dieser hatte den Blick gesenkt. Als sie länger als erwartet nicht antwortete und keinerlei Reaktion zu zeigen schien, sah Fritz scheu zu Alex hinüber. Sie blickte ihm tief in die Augen, nahm seine Hand, lächelte sanft, schlug kurz die Augen nieder, denn auch sie musste Mut dafür aufbringen, was sie nun sagen wollte und sah ihn dann wieder an.


«Weisst du», begann Alex, «bei mir ist es nicht anders. Ich habe auch noch nie mit einem Jungen geschlafen. Ich weiss auch nicht, wie es ist.» Sie erklärte weshalb und siehe da, es waren die gleichen Gründe wie beim scheuen Fritz: mangelndes Selbstvertrauen, Scheue, verpasste Chancen. Keine Worte des Spottes, kein abschätziges Lachen, nichts dergleichen war aus ihrem Mund gekommen. Und darüber war Fritz unendlich dankbar. «Danke Alex, ich dachte schon du würdest mich auslachen», erwiderte Fritz. Er hatte schon bemerkt, dass da etwas liebevolles, scheues und trotzdem verführerisches in ihren Augen lauerte. Was wenn sie ihn mehr mochte, als sie zugeben wollte und er zu wissen glaubte? Was wenn sie ihn liebte? Fritz mochte Alex gut, ja lieben könnte er sie, dass wusste er. Fritz fasste er sich ein Herz, sammelte erneut Mut und sagte dann auffallend beiläufig: «Auf Mathe und Englisch heute Nachmittag in der Schule habe ich überhaupt keine Lust.» Sie ahnte, worauf er hinaus wollte und erwiderte: «Ja, ich auch nicht. Was man nicht alles machen könnte an einem freien Nachmittag.» Nicht mehr länger der verpassten Chancen nachtrauernd, sah nun Fritz seine Chance und ergriff mit beiden Händen. «Wollen wir nicht die Schule schwänzen und ein wenig am See chillen und schwimmen?», fragte Fritz mit plötzlicher Hoffnung. Sie stimmte zu.


Was an diesem Nachmittag am See geschah bleibt der Leserschaft vorenthalten, weil ein erstes Mal immer nur für jene Seelen bestimmt ist, die es erleben. Erst später, nachdem es zur Alltäglichkeit übergegangen ist, soll darüber gesprochen werden.

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