5 Kino Chur 5 CDC 13 Kino Chur
«Murder Party» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: Cover

«Murder Party» im Soundcheck

Die Band Gracchus lernte ich am 23. Mai 2015 kennen. Warum ich das so genau weiss? Ich gab dann mit meiner Band Insomnia Rain in unserem Zuger Lieblingsclub Podium41 ein Konzert. Dieses Mal wollten wir die Innerschweiz richtig erobern und mit Hilfe einer lokalen Band massiv mehr Leute anziehen, als wir es sonst taten. Also rief ich den Fratelli-B-Rapper Chandro Bisig an und fragte ihn, ob er eine Band aus der Region kenne, die in etwa im gleichen Genre heimisch ist wie wir. Er selbst ist ja aus Baar und daher fand ich es passend, gleich an der Quelle nachzufragen. Er stellte den Kontakt zu einer Zuger Band her, deren Namen mir jetzt spontan nicht mehr einfällt. Diese wiederum hatten keine Zeit und leiteten mich zu «Stuck in Traffic» weiter. Fernando Schnellmann von den im Stau-Stehenden sagte mir, sie hätten an diesem Datum ebenfalls keine Zeit, er empfahl mir aber die neu gegründete Band Gracchus seines Bruders Bernhard. Nach ein paar wenigen Mails, die wir uns hin und her geschickt hatten, war die Sache geritzt und der Abend konnte kommen. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir den Namen der Band auf dem Flyer sogar falsch geschrieben, was die Jungs ziemlich witzig fanden. Mir war es dann doch ein wenig peinlich…


Der grosse gemeinsame Abend kam und ich wurde auf Anhieb Fan der Band. Die Jungs waren nicht nur exzellente Musiker, sondern auch grossartige Menschen. Vor allem der grossgewachsene Bernhard zeigte Interesse an unserer und meiner Musik und wir freundeten uns ziemlich rasch miteinander an. Ich unterhielt mich unglaublich gerne mit ihm, denn auch er hatte viel Herzblut für die Musik und eine ungebrochene Freude am Sound.


Da mir der Sound der Band sehr gefiel und ich mich an eine bessere Version von Metallica erinnert fühlte, buchte ich Gracchus immer wieder. Es war jedes Mal wie Ferien mit ihnen aufzutreten, da sie einerseits wahnsinnig professionell waren und anderseits einfach solche Menschen, die man gerne in seiner Umgebung hat. Obwohl ich wusste, dass unsere Stile unterschiedlicher kaum sein könnten, spielte ich auch als Soloartist mit ihnen zusammen.


Bernhard sprang zwei Mal ein als Ersatzgitarrist in meiner Soloband, was er für mich als Kollege gerne tat. Da er sich nach der Bluemoon Musix Night an meinem 30. voll und ganz auf seine Hauptband konzentrieren wollte, liess ich ihn ziehen. Sehr gerne hätte ich mein Ensemble mit ihm ergänzt, denn er ist ein einzigartiger Gitarrenvirtuose.


Solche Freundschaftsdeals mit spontanem Einspringen waren für mich nie selbstverständlich, denn oftmals haben Freundschaften im Haifischbecken namens Musikbusiness einen schweren Stand. Es wird immer viel abverlangt von der Gegenseite, jedoch kommt selten etwas zurück. Mit den Gracchus-Jungs ist seit dem ersten Konzert alles total anders. Sie sind inzwischen richtig gute Freunde geworden und ich vermittle ihnen gerne regelmässig Shows in der Gegend, einfach weil ich nicht jedes Mal nach Zug fahren möchte, um sie wieder zu sehen. Erst kürzlich habe ich den Delilahs geraten Gracchus doch auf die nächste Tournee mitzunehmen, was ich anders abfeiern würde.


Ihre Dankbarkeit für solche kleinen Dienste ist gross, nicht aus finanzieller Hinsicht, sondern aus aufrichtiger Ehrlichkeit. Dies ist wieder so ein Faktor, der rar geworden ist in der heutigen Zeit. In der Musikwelt kann so vieles Positives entstehen, wenn man zusammenarbeitet. Sie haben dies verstanden. Wunderbar, wie viel ihre Managerin Sophie für sie unternimmt und ich glaube das Debütalbum der Herren ist erst der Anfang von einer ganz grossen Karriere.

Hören wir mal rein in die «Murder Party»


«Living for too long»
Erstmals dachte ich: «Hhm, acht Lieder produzieren und es dann Album nennen, ist doch ein wenig mager.» Dann sehe ich aber, dass nur schon der Openener über sieben Minuten lang ist und ich freue mich doch sehr darauf. Bei diesem Lied vergehen fast zwei Minuten an musikalisches Intro bevor Bernhard zu singen begingt. Interessant wie er der epischen Metalhymne zum Start schon seine ganze gesangliche Spannweite aufdrückt, welche zwischen Flüstern, Schreien und normalem Gesang federleicht hin und her switcht und immer wieder für eine Überraschung gut ist. Wie die Begleitung für einen kurzen Moment fast ein wenig zusammenbricht beim Gitarrensolo ist sensationell und erzeugt eine ungeheuer packende Spannung. Was mir bereits beim ersten Durchhören sofort auffällt, ist der Fakt, dass die Produktion jetzt schon fetter klingt, als die beiden vorgängigen EPs.  

Auch die zweite Nummer «Whispers» ist fast fünf Minuten lang. Getragen von der Bassmelodie von Marcel Bütikofer erhält die Strophe einen mystischen Anstrich, der sich mit viel Kraft auf die Hook hin entlädt. Der Headbangerzwischenteil ist göttlich und Bernhard singt dabei auch noch etwas von Engeln und dem Himmel, wie es der Zufall will. Ein kompositorisches Meisterwerk, welches es schafft sofort jederzeit zu überraschen. Die Nummer ist fast ein wenig, wie das erste Mal den Film «Matrix» sehen, stets überraschend, tief beeindruckend und einfach nur fett. Weiter so!

Das dritte Stück «My Love» kommt druckvoll um die Ecke. Krass, wie versiert der doch eher schmächtige Allan Murphy hier mit seiner Doublebass-Technik seine Band nach vorne peitscht und ein Exempel in kreativem Schlagzeugspiel hinterlässt. Der Speedmetalteil ganz am Schluss inklusive angenehmen Schreieinlagen lässt mich nicken und zeigt, dass nicht nur der Drummer eine extra Scheibe Energie und Ideenreichtum in die Waagschale geworfen hat. So abwechslungsreich kann moderner Metal klingen.


«Lying Tongue» ist ein bisschen ruhiger gestaltet, aber deswegen kein bisschen weniger kreativ. Die «Ballade» klingt bedrohlich, gefährlich und fährt durch den emotionalen Refrain direkt unter die Haut. Beim Riff in der Mitte klappen die Devilhorns automatisch aus und man will bei der Metalparty in der ersten Reihe mit von der Partie sein. Doch gemütlich machen es einem die Herren nicht, denn Jeff Elrose packt gleich noch ein geileres Riff obendrauf, welches sofort zum Pogo einlädt und selbst nicht von Grössen wie Slipknot besser auf CD gebannt werden könnte.

Zu der Vorabsingle «Sewn together» gibt es bereits ein Video, welches ich euch hiermit gerne ans Herzen legen würde. Wenn man bei Gracchus von Radiotauglichkeit sprechen kann, ist wahrscheinlich dies am ehesten so ein Kandidat, der bei richtigen Heavy-Radios fix in die Rotation geraten könnte.

Ich hoffe Gracchus wird noch lange nicht «The Plug» gezogen, denn ihr ganz eigener sozialkritischer Ansatz zeigt, dass das Quartett nicht nur musikalisch ihre Fussnote hinterlassen können, sondern auch lyrisch Texte mit Tiefgang erschaffen werden. Das ekstatische Gitarrensolo kämpft gegen die Maschinen und gewinnt durch Eigenständigkeit und den freien Willen. Geile Scheisse!


«A Lost Traveler’s Guide» packt einen treibenden Rhythmus auf die Scheibe, der sofort in die Beine geht. Hier stimmt schon vieles, zum Beispiel das exzellentes Zusammenspiel, eine Hook mit hoher Mitsinggarantie und ein Gitarrensolo, das meine Kinnlade nach unten knallen lässt. Für einmal ein Reisesoundtrack der anderen Art. Überraschend wird ganz am Schluss nochmals deftig auf die Tube gedrückt, was sehr geil rüberkommt.

Nochmals ein wenig technisch verspielt, kommt die Abschlussnummer «Spilled Remains» um die Ecke. Mir gefällt sehr, wie sie leichtfüssig verschiedene Heavy-Spielarten miteinander verknüpfen. Gracchus haben ihr Handwerk gelernt und zeigen bis zum letzten Ton, wie eine kreative Metalplatte klingen soll, die auch Neulingen im Metalbereich einen Einstieg ermöglicht. Schade, gibt’s nicht noch fünf weitere Songs, ihre Spielfreude ist nämlich richtig ansteckend und macht süchtig.


Schlussfazit:
Die Zuger Band Gracchus geht Anfang Oktober mit einem Debütalbum an den Start, das den internationalen Vergleich mit Szenegrössen nicht zu scheuen braucht. Das gut durchdachte, solide konzipierte und jederzeit überraschende Werk «Murder Party» ist ein kurzweiliger Mörderspass, der Metalheads genauso zu begeistern vermag, wie Mainstreamhörer. Da Krokus ja bald abtreten, gäbe es hier eine Formation, welche deren Erbe sicher mit viel Liebe zur Sache und einer modernen, technisch versierten Härte fortführen könnte. Chapeau, für die tausenden investierten Stunden; es hat sich gelohnt, man hört jede einzelne!

Themenverwandte Artikel

Musikperlen: «11am – Self titled» (2005)
Bild/Illu/Video: Cover

Musikperlen: «11am – Self titled» (2005)

Musikperlen: «AndaRojo – Self titled» (2006)
Bild/Illu/Video: Cover

Musikperlen: «AndaRojo – Self titled» (2006)

Musikperlen: «Saint City Orchestra – Chaos» (2018)
Bild/Illu/Video: Cover

Musikperlen: «Saint City Orchestra – Chaos» (2018)

«Hakuna Matata» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: zVg.

«Hakuna Matata» im Soundcheck

«Rio Amden Amsterdam» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: zVg.

«Rio Amden Amsterdam» im Soundcheck

Musikperlen: «Tyte Stone – Figga!» (2004)
Bild/Illu/Video: zVg.

Musikperlen: «Tyte Stone – Figga!» (2004)

Empfohlene Artikel