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Musikperlen: «No Future – Wohri Fründschaft» (2008)
Bild/Illu/Video: zVg.

Musikperlen: «No Future – Wohri Fründschaft» (2008)

Die gemeinsame Geschichte von No Future und mir geht weit zurück. Obwohl uns oft viele Kilometer trennen, sind die Wiedersehen mit den Jungs auch heute noch fast ein wenig wie Klassentreffen und jedes Mal absolut unvergesslich. Zuletzt habe ich sie an meinem 30. Geburtstag in Chur für ein Ständchen gebucht, was leider auch schon wieder über ein Jahr her ist… Doch schauen wir, bevor wir die Perle von No Future genauer unter die Lupe nehmen, zuerst ein klein wenig in den Rückspiegel.


Es war zwischen 2006 und 2007, als ich erstmals von No Future hörte. Ich hatte deren Schlagzeuger Armin Candrian auf einer Musikerzusammenkunft von dem inzwischen (das glaube ich zumindest…) nicht mehr aktiven Verein Bündner Musikszene kennengelernt. Der Verein hatte damals immense Pläne, wollte mit seiner frischgewonnenen Motivation und neuem Team mit alten Traditionen brechen und die Musikszene Graubünden komplett neu herausputzen. Im Rückblick gesehen waren die Ideen der Organisation um Curdin Cadient (übrigens der Bruder von Nyna Dubois) gross, die Umsetzung und der nötige Biss fehlte aber, was zur Folge hatte, dass viele der üppigen Zukunftsvisionen rasch versandeten.


Im Rückblick muss ich dem VBM doch auch ein Krenzlein binden. Ihr grosser Verdienst in meinen Augen war nämlich das Verknüpfen von diversen Komponenten der Bündner Musikszene, bevor es Facebook gab. Für diesen Vermittlungsdienst in einer Zeit, als wir Musiker noch von Myspace aus versuchten die Welt zu verändern, bin ich heute noch sehr dankbar.


Durch das Verbinden vom Schlagzeuger Armin Candrian von No Future und vielen weiteren Freundschaften entstand etwas, was mein Leben für lange Zeit prägte. Im Jahr 2008 erfand ich mit geliehenen Namen die Kompilationserie Bock uf Rock. Auf dieser CD versammelte ich erstmals alle angesammelten Freunde aus der Szene Graubünden, qualitativ vielleicht nicht auf dem besten internationalen Level und doch voller Spielfreude und einer unglaublichen Leidenschaft. Hach, was war das für eine grossartige Zeit.


Speziell an der ersten Bock uf Rock war neben der dummen Idee meinerseits das komplette Booklet mit Danksagungen zu füllen, die zwei Songs «Wohri Fründschaft» und, ihr könnt es ahnen, «147 Täg». Der Überhit über die harten Tage im Militär machten die CD auf Knopfdruck zu einem Must-Have und stellte von den Verkaufszahlen her auch rasch den «Skalanda»-Sampler von Muzzy in den Schatten.


Auch später war es oft so, dass No Future mir regelmässig regelrechte Hits als Sahnehäubchen überliessen und auf praktisch jedem Tonträger der Bock uf Rock-Serie vertreten waren. Durch ihr blosses Vorhandensein auf den CDs wurden andere Künstler aktiv mitgezogen und gefördert.


Doch nicht nur durch diese Kompilations blieben wir verbunden. Ich buchte sie immer wieder für Konzerte und bekam als Gegenleistung unvergessliche Partys mit überglücklichen Besuchern geliefert.


Nun im Hier und Jetzt haben sich die Fakten gründlich verändert, meine Bands Virus of the Cactus, Insomnia Rain, sowie auch die ganze Kompilationsgeschichte liegen im Nostalgiefach auf meinem Büchergestell und stauben langsam vor sich hin. Viele der Bands aus dieser Zeit widmen sich heute anderen, erwachsenen Dingen. Mit No Future gibt es doch eine einzige Band aus dieser wilden Zeit, die immer noch da ist und deren Debüt-EP heute die Anerkennung und Einordnung erhält, die sie schon lange verdient hat.

Das ist die Musikperle «No Future - Wohri Fründschaft»:


«147 Täg» heisst der erste Track der EP und dieser hat es in sich. Wie oben bereits erwähnt, wollte ich den sofort für meine Kompilation, da das Hitpotenzial bereits nach Sekunden erkennbar ist. Die Bläser, der Punk und ein trotziger Samy Schmid, welcher der Rekrutenschule den Kampf ansagt, bringt in wenigen Minuten alles auf den Punkt, was Armeegegner schon seit Jahren versuchen zusammenzustellen, um die Geldverschwendungsmaschinerie zu stoppen. Neben dem wirklich witzigen Song, der live für Festzeltstimmung sorgt, ist ihnen eine Hymne geglückt, die zahlreichen Generationen an Rekruten die Zeit in den grünen Ferien erleichtert und vielleicht auch ein wenig versüsst.


Der zweite Song «Go on» zeigt schon beim Frühwerk, wie sprachflexibel die Sursilvaner sind. Gesungen wird es von der Gastsängerin Sabrina, die auf dem Werk «Absolut Porno» erneut zum Handkuss kommen wird und ihren Job solide macht. Die rockige Nummer ist groovig und tanzbar, wurde aber nicht wirklich viel live gespielt, respektive habe ich sie, bei den rund 10 Konzerten, die ich von No Future gesehen habe, nie in der Setliste entdeckt.


Der Titeltrack «Wohri Fründschaft» wollte ich vor allem wegen der erzählerischen Geschichte und der Melancholie auf Bock uf Rock draufhaben. Lustig war der Umstand, dass ich mit Virus of the Cactus auf der gleichen Scheibe den Song «Kater» hatte, der am Anfang, wirklich ziemlich zufällig, praktisch identisch wie diese Ode an die Freundschaft klang. Samy Schmid setzte ein episches Statement für seine Brüder ab, ich versuchte mich als Clown, der Witze über Katzen macht… Ihr merkt es selbst sicher, wer schon damals der bessere Geschichtenerzähler von uns beiden war… Ausserdem könnte ich jetzt hier noch darüber referieren, dass er schon damals lockerer rappte als ich, aber überlassen wir der Zuhörerschaft die Entscheidung…


«Dudes» ist ein weiteres Loblied auf den ausgeprägten Zusammenhalt der Jungs, welchen ich bei kaum einer anderen Bündner Band in dieser Form erlebt habe. Diese Nummer zeigt, dass wer an ein Konzert von ihnen geht, sich auf heftiges Pogowetter einstellen kann. Gelungenes Intermezzo.

«Freihait» fängt eine entspannte Atmosphäre ein und brilliert durch solide Alltagsbeobachtungen von Bergmenschen. Der Song, der dem Genre Reggea zugeordnet werden kann, fängt die Freude am Boarden in der Region ziemlich gut ein und kann, wenn man den Text ignoriert, auch gut als Soundtrack für die aktuelle Hitzewelle dienen, denn Vorfreude ist bekanntlich ja eine der schönsten Freuden.


Schlussfazit:


Mit fünf Liedern starteten die Jungs von No Future eine Karriere, die bis heute Bestand hat und nicht durch ständigen Personalwechsel geprägt ist, wie bei anderen Bands. Auf ihrer Debüt zeigen sie bereits wie Offbeat-Songs mit gehaltvollen Texten funktionieren und was bei einer Band wirklich zählt: Es ist kurz und bündig: Die Freundschaft. Auch zehn Jahre nach dem Debüt spielt No Future gemeinsame Konzerte und feiert Abend für Abend die enge Vertrautheit untereinander, was sich irgendwie jeder Musiker für seine eigene Band wünscht. Dieses unsichtbare Band und die beiden Evergreens «147 Täg», sowie der Titeltrack machen das Werk zu einem zeitlosen Erstling, welcher noch heute ziemlich frisch klingt und in keiner kompletten Bündner Musiksammlung fehlen darf.    

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