10 George 10 Lange Nacht der Museun 10 Maramber
Playlist meiner Entscheidungen
Bild/Illu/Video: Alice Gabathuler

Playlist meiner Entscheidungen

Der Titel könnte passender nicht sein. Der 16-Jährige Ich-Erzähler Austin bezeichnet sich als ziemliches Arschloch (womit er leider recht hat). Sein zukünftiger Stiefvater, ein knallharter Rechtsanwalt, bestätigt ihm das gegen das Ende des Buches, aber er bringt es auf den Punkt: Ein Arschloch ohne einen Funken Boshaftigkeit in sich. Und genau deshalb kann man das Buch wunderbar lesen, auch wenn Austin tatsächlich von einer miesen Entscheidung in die nächste taumelt und sich selber auf den Füssen und vor der Sonne steht. Die Geschichte beginnt mitten in einer dieser miesen Entscheidungen und endet mit einer kleinen, aber rührend guten Entscheidung. Und alles dazwischen können Sie selber lesen. Ich will nichts verraten, würde an Ihrer Stelle auch keine Klappentexte oder Beschreibungen des Buches lesen. Jeder Satz ist ein Spoiler zu viel. Tipp Nummer 1: einfach eintauchen und mäandern. (Tipp Nummer 2 folgt am Ende.)


Ich mäanderte also durch das Buch, und freute mich, so was Tolles und Kostbares gefunden zu haben. Und gleichzeitig war ich ein wenig neidisch. Weil ich solche Bücher fast immer in Form von Lizenztiteln lesen muss, sprich, es sind Übersetzungen aus anderen Sprachen, weil viele deutsche Verlage sich so was nicht trauen. Oder halt erst dann, wenn die Bücher im Ausland ein Erfolg gewesen sind.


Weshalb ich bei den deutschsprachigen Titeln sehr tief wühlen muss, um solche Schätze zu finden. Und womit wir wieder bei den Entscheidungen sind: Ich wünsche mir mutigere Entscheide von Verlegern deutschsprachiger Jugendbücher. Es müssen nicht alle Titel eines Programms völlig verrückt und quer in der Landschaft stehen, aber der eine oder andere dürfte es doch sein! Fakt ist, dass wir heute soweit sind, dass Verlage unter anderem erfolgreiche Buchbloggerinnen unter Vertrag nehmen, weil die schon eine Fanbase haben (und nein, damit behaupte ich nicht, dass sie nicht schreiben können).


Fame und Fanbase als Währung in der Literatur. Beispiele gibt es zuhauf. Eins der aktuelleren ist eine Neuprinzessin, die ein Kinderbuch herausgegeben hat. Sie ist nicht die erste und nicht die letzte in einer Reihe von Promis, die ein Buch schreiben und auf der Überholspur in die Verlage kommen. So was hat es immer gegeben und wird es auch weiterhin geben, geht für mich auch in Ordnung, denn Fame und Fanbase treiben die Verkaufszahlen in die Höhe und bringen den Verlagen Geld. Nur sollte es dann auch das andere wieder vermehrt geben: Das bewusste Eingehen eines Risikos mit einer etwas schrägen, aber gut geschriebenen Geschichte, die etwas sperrig und bunt in der Landschaft steht. Nicht erst als Lizenztitel, sondern als deutsche Erstausgabe. Denn ganz ehrlich: Ob Verlage magere 1500 Exemplare eines beliebigen Mainstreamtitels verkaufen, einem sogenannten me-too Produkt, das so me-too ist, dass es langweilt, oder 1000 Exemplare eines wunderbaren, genial gut geschriebenen, vielleicht sogar in der Gegend herummäandernden Titels, macht finanziell keinen so großen Unterschied.


Meine Gedanken mäanderten weiter. Ich dachte an all die guten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe. Und an solche, die zwar nicht wirklich gut oder klug waren, mich aber jeweils ein gutes Stück weitergebracht haben, zumindest, was meine Persönlichkeitsentwicklung anging (Austin lässt grüssen). Ich dachte auch an die Zeiten, in denen ich entschied, vorläufig erst mal gar nichts zu entscheiden. Das nenne ich die Schwebephasen. Wenn man die Ungewissheit aushalten kann, dann sind Schwebephasen eine wahnsinnige Bereicherung (Ausnahme: das Verweilen in toxischen Beziehungen privater oder beruflicher Natur, die man seinem Seelenheil zuliebe sofort aufgeben sollte).


Wenn ich also eine Playlist meiner Entscheidungen zusammenstellen müsste, gäbe das einen ziemlich guten Sound. So was wie ein «best of». Das, so finde ich, ist doch ein echt tolles Fazit.


Mein Tipp Nummer 2 für die heissen Sommertage: Lesen Sie ein mäanderndes Buch. (Da würde sich zum Beispiel auch der «Pampa Bues» von Rolf Lappert sehr gut eignen oder der «Stechmückensommer» von Jutta Wilke). Und mäandern Sie gedanklich durch Ihre bisherigen Entscheidungen. Erstellen Sie im Kopf eine Playlist der guten und der vermeintlich nicht so guten Entscheidungen. Und falls nötig: Fällen Sie eine Entscheidung. Aber Sie wissen schon – keine mit der Sie sich selber auf den Füssen und vor der Sonne stehen. Ich wünsche Ihnen viel Freude, viel Glück und viel Erfolg beim Zusammenstellen Ihrer ureigenen Playlist der Entscheidungen.


Buchtipps:

Playlist meiner miesen Entscheidungen, Michael Rubens, dtv Verlag

Pampa Blues, Rolf Lappert, dtv Verlag

Stechmückensommer, Jutta Wilke, Knesebeckverlag

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