«Plusquamfutur» im Soundcheck
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«Plusquamfutur» im Soundcheck

Das Debütalbum startet mit dem Song «Klappa, dia erst». Dieser wird getragen von einem coolen Pianoloop, der sofort hellhörig werden lässt. Die beiden Churer zeigen von der ersten Zeile an, dass sie ihr Ding lieben und dafür gerne die Extrameile gehen. Die von ihnen erwähnten Zitate und Ratschläge von aussen kommen mir leider sehr bekannt vor… Cool, dass Delicate und Mando trotz den unnötigen Kommentaren so viel Energie in den Bündner Rap investieren und ihn an Battles auch ausserhalb des Kantons repräsentieren. Es ist auf jeden Fall ein Einstieg mit Ansage, der Lust auf mehr macht.


Die zweite Singleauskopplung «Wake up!» ist ein ziemliches Boom Bap-Brett. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen und vor allem der offene Part von Delicate fährt einem richtig ein. Es wird hier aufgezeigt, dass es nie zu spät ist, aufzuwachen und sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Eine echte Motivationshymne!


«Dahai» feat. Maria Milane war der erste Song, welcher von den beiden Wortakrobaten veröffentlicht wurde. Es ist eine sehnsüchtige Nummer voller Heimweh, die durch die Gastsängerin eine zusätzliche Tiefe erhält. Die Ode an das Bündnerland kommt mit viel Popappeal daher und kann auf Youtube nicht ohne Grund bald 80'000 Aufrufe verzeichnen. Grandios!


«Nimmerland» nimmt einem mit in die Kindheit und Jugendzeit der Jungs, die zurückblicken und die Qualitätszeit offline hochleben lassen. Mit diesem Lied haben sie sicher bei einigen einen Nerv getroffen. Während der Part von Mando einem nostalgisch träumen lässt, sorgt Delicate mit seinem «Graubünda»-Promotion-Part voller Breitbild-Tribute für eine angenehme Lockerheit. Da haben sich zwei gefunden, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern.


Weitere kleine Tribute in Richtung Sektion Kuchikäschtli gibt es von Delicate auf dem Lied «People’s Champs» auf dem die Churer Raplegende LIV mitmischt. Dieser betont, dass er und seine Jungs alle Rapper unterstützen, die mit Herzblut bei der Sache sind und alle verspotten, die Rap nur als Mittel zum Zweck sehen. Dass Gian und Claudio eher zu den Erstgenannten gehören, haben sie bereits unzählige Male bewiesen. Schön, dass dies nicht unbemerkt bleibt und mit einem tighten Featurepart belohnt wird. Es ist auf jeden Fall ziemlich unterhaltsam, wie die drei Herren den Battle-Track gestalten und immer wieder mit Wortspielen für humoristische Momente sorgen. Vor allem bei Mando merkt man hier eindrücklich, dass er es von Battles gewöhnt ist mit viel Energie in einen Track reinzugehen und richtig Feuer zu spucken. Fett!


«Zeicha vur Ziit» behandelt das Thema Tod und Abschied. Es ist spannend umgesetzt auf einem recht modernen Beat. Da die Uhr unermüdlich weitertickt und die Zeit keine Rücksicht auf allfällige Verluste nimmt, ist es nicht immer leicht den Schmerz zur Seite zu schieben oder ihn gar zu überwinden. Doch dieses Lied hier hat eine aufstellende Wirkung und könnte im passenden Moment einigen Menschen Trost spenden.


Die Mando-Solonummer «Klartraum» ist ein nachdenkliches Lied, bei welcher Claudio Peterhans tief blicken lässt. Er offenbart auf dem sehr hörenswerten Track, wie er durch ein Meer aus Zweifeln geschwommen ist. Zusätzlich zeigt er auf, dass das Leben ein ewiger Prozess ist, in welchem er weiterhin versucht sich zu entwickeln und dabei auf seine innere Mitte zu stossen. Der Gesangspart gegen Schluss zeigt zusätzliche Facetten des Rappers, der vor vielen Jahren mit dem Namen Nervis seine ersten Sporen im Bündner Rapgame abverdient hat.


Auch Delicate bekommt auf dem Album seinen Soloslot. Das Lied «Scho verbii» ist ein deeper Track, der ein düsteres Bild des Lebens nachzeichnet. Gian-Andrea Accola fetzt mit ziemlichem Druck über die Zeilen und schafft es trotz den zahlreichen melancholischen Eindrücken die Hoffnung und das Selbstvertrauen aufrecht zu erhalten.


«Stronger» erzählt die Geschichte des Aussenseiters, der trotz Niederschlägen und Ignoranz der Mitschüler seinen Weg geht und mit erhobenem Haupt sein Ding durchzieht. Das Thema ist ansprechend arrangiert und wird mit einem Refrain der Sängerin Melina aufgewertet. Einziger Störfaktor ist hier die Klangqualität, die im Vergleich zu den anderen Songs ein wenig hinkt. Schade…


Auf «Eier zeiga» konnte das Duo mit Hyphen und Nuts Cuts gleich zwei Bündner Rap-Legenden verpflichten, die am Mic und den Turntables sich nicht lumpen lassen. Der Banger, der das Direkte feiert und das Hintenrum verurteilt, ist genau das, was sich die Rapfans in Graubünden gewünscht haben. Wenn es wieder mehr solche hörbare Kollabos gibt muss man keine Angst haben, dass der Rap im Kanton an Relevanz verlieren könnte.


«Deserteur» ist eine Nummer, die einem in die Ferne entführt und die Story eines Flüchtlings nachzeichnet. Es ist ein Lebensweg voller Tragik, der einem nahe geht. Den Jungs gelingt es mit viel Fingerspitzengefühl, dass die Zuhörerschaft auch Verständnis aufbringt und vielleicht nach dem Hören bemerkt, dass die eigenen Probleme doch eher kleinlich sind.


Sie hat schon eine ganz angenehme Stimme diese Maria Milane. Das haben auch die Jungs gemerkt, welche sie hier auf dem Album bereits zum zweiten Mal willkommen heissen. Die Nummer «Ohni di» hat zwischendurch einen elektronischen Touch, der mir sehr gut gefällt und beweist, dass die Zwei doch auch für andere Genres offen sind. Die erfrischende und doch so sehnsüchtige Nummer wäre zukünftig eventuell auch was für die Bündner Clubs…


Am Anfang von «13 Gründ» pumpt ein Beat wie ein Herz, welcher immer näherkommt. Dieser Audioeindruck bleibt Programm, denn auch das Lied ist eine Ode an das Näherkommen. Die Jungs malen schöne Bilder, bauen gedanklich Brücken und hoffen, dass durch ihre Inputs die Menschen wieder vermehrt aufeinander zu gehen. Es ist eine Hymne voller Hoffnung, die Optimismus verbreitet und zum Umdenken anregt. Cool!


Mit «Sucka 4 Pain» darf Delicate bereits seinen zweiten Solosong präsentieren. Dieser nimmt einem richtig mit, da er in seinem Text Metaphern benutzt, die den Schmerz, welcher von einer unerwiderten Liebe ausgelöst wird, sehr greifbar macht.


Auf «Born for this» erzählen die Jungs, wie sie zur Musik gefunden haben und diese Leidenschaft mit der Zeit alle anderen Hobbys verdrängt hat. Der englische Refrain ist Geschmacksache… Ich persönlich hätte es jetzt mehr abgefeiert, wenn Gian hier zu den sehr persönlichen Zeilen der Strophe auch noch eine Hook in Mundart geschrieben hätte. Auf dem über fünf Minuten langen Song gastiert ausserdem noch der grandiose Burri Smalls, der endlich mal sein Soloalbum raushauen sollte. Allez hopp!


«Mis Vermächtnis» zelebriert das Schreiben und die Musik. Es ist doch ein schöner Gedanke, wenn irgendwann etwas übrigbleibt, wenn man dann mal das Zeitliche gesegnet hat. Mando zeigt hier erneut, dass er noch ein gutes Gespür für Gesangsparts hat. Die vorgetragene Melodie ist eingängig und bleibt sofort in den Ohren haften.


Der Titeltrack «Plusquamfutur» zeigt, wie wichtig es ist, sich das innere Kind und die Begeisterung zu erhalten. Das Abschlusslied lässt den Tonträger nochmals wie ein Snippet Revue passieren und zeigt, dass die Jungs einiges richtig gemacht haben auf ihrem Debüt.


Schlussfazit:
«Plusquamfutur» von Delicate und Mando ist ein gelungenes und sehr hörenswertes Bündner Rapalbum. Die beiden Protagonisten nehmen kein Blatt vor den Mund, was ihre Musik so wunderbar authentisch und greifbar macht. Das Werk klingt überhaupt nicht wie ein Debüt, da die Herren geduldig und intensiv an ihren Lieder gefeilt haben. Diese Fleissarbeit wird jetzt belohnt mit einem stimmigen Endprodukt, welches nie den roten Faden verliert und viel Vorfreude auf Liveshows der Beiden aufkommen lässt.

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