5 CDC 5 Buuchgfuehl
«Schuldig 42.0»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Schuldig 42.0»

Was aus Liebe angeschaut wird, ist schön

Es klingelte. Erwin hasste das Geräusch. Er wollte seine Ruhe. Dennoch erhob er sich schwerfällig, von dem Küchenstuhl, der neben dem kleinen Tisch im sonst leeren Wohnzimmer stand und wankte in den Flur. Er spürte die Wirkung der vier Bier, die er in der letzten Stunde in sich hineingekippt hatte und bemerkte den immensen Blasendruck. Es drängte ihn zur Toilette. Es klingelte erneut. «Verdammter Mist», zischelte er den Fluch durch die Zähne. Jemand klopfte gegen die Tür. «Herr Schwärmer, sind Sie zuhause?»

«Natürlich der Pope», dachte Erwin und öffnete die Haustür. Vor ihm stand ein dünner kahlköpfiger Mann, gekleidet in einer schwarzen Soutane und lächelte nicht. «Ich wollte mal nach ihnen schauen. Wie geht es denn?», wollte er wissen. Die tiefe Stimme liess Erwin erschaudern.


«Kommen Sie rein. War grad auf dem Weg zum Klo. Warten sie kurz im Flur. Ich komme gleich wieder.» Erwin liess den Pastor stehen, drehte sich um und schlurfte zur Toilettentür. Kein weiterer Gedanke füllte seinen Kopf. Er war vollends mit dem Wasserabschlagen beschäftigt, wie er das Urinieren nannte. Ihm war noch nicht einmal aufgefallen, dass er die Klobrille nicht hochgeklappt hatte. Tropfen bildeten sich darauf, da sein Strahl so stark war und aus der Keramikschüssel nach oben spritzte. Nur kurz spülte er ab und verliess den kleinen ungepflegten Raum ohne die Hände zu waschen. Im Flur stand noch immer der Schlaksige, ganz in schwarz gekleidete und Erwin erschrak, da er ihn total vergessen hatte. «Kaffee?», fragte er und versuchte damit seine Unsicherheit zu überspielen.

«Gerne.»

«Kommen sie ins Wohnzimmer. Ich habe noch einen Kaffee von heute früh.»

Erwin ging voraus. Der Pastor folgte in angemessenem Abstand.

«Warten sie», sagte Erwin, «ich hole einen Stuhl aus der Küche, damit sie sich setzen können.»

Missmutig beäugte der Geistliche die vier Flaschen Bier, die aufgereiht auf dem kleinen Campingtischchen standen. Kurz später betrat Erwin das Wohnzimmer und hielt in der einen den Stuhl und in der anderen Hand die Kaffeetasse.

«Milch?»

«Nein, schwarz.»


Erwin platzierte den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches und setzte sich auf seinen Stuhl.

«Sie haben keinen Fernseher?», begann der Pfarrer das Gespräch.

«Musste ich verkaufen, brauchte das Geld.»

«Reicht die Rente nicht aus?»

«Hab halt als selbständiger Metzger nicht so viel eingezahlt, damals.»

«Sie können beim Sozialamt eine aufstockende Hilfe beantragen, wenn es nicht lang.»

«Ich weiß, hab mich noch nicht drum gekümmert. Momentan reicht es noch fürs Essen und den Strom.»

Erwin durchzuckte es, als hätte er in die Steckdose gegriffen. «Warum musste ich das mit dem Strom erwähnen. Ich bin ein Ochse! Hoffentlich hat der Pope nichts gemerkt.»


Erwin griff nach der Bierflasche, bemerkte, dass sie leer war und stellte sie zurück auf den Tisch. Dabei schaute er verstohlen den Mann in Schwarz an. Dieser hielt die Kaffeetasse in Händen, so als wolle er sich daran wärmen. Nach einer Weile stellte sie allerdings, ohne einen Schluck genommen zu haben, zurück.

«Wie geht es ihnen ansonsten?», fragte der Pastor in die Stille hinein.

«Muss halt.»

«Sie wissen, heute ist der Jahrestag ihrer Ehefrau?»

«Klar, aus diesem Grund habe ich heute eine Messe für Elfriede lesen lassen und auch dafür bezahlt.»

«Ich habe sie in der Kirche erwartet. Elfriede war eine fleissige Kirchgängerin.»

«Das scheint so. Ihr war allerdings der Kirchgang manchmal unangenehm, aber genau das wollte sie nicht sagen. Dazu war sie zu gut erzogen.»

Erwin lächelte schelmisch. Der Pfarrer tat so, als hätte er die letzten Worte nicht gehört und wartete.

«Ja, ich wollte in die Kirche kommen, aber habe verschlafen.»
«Schade.»

«Ist halt so.»

«Tja, aus diesem Grunde dachte ich, ich komme mal vorbei.»

«Wäre nicht nötig gewesen.» Erwin überlegte. Er musste unverdächtig erscheinen und einlenken. So sagte er: «Danke, dass sie gekommen sind.»


Der Pastor, der so aufrecht auf dem Holzstuhl sass, als habe er ein Brett unter seiner Soutane, ignorierte den letzten Satz des Gastgebers und sinnierte vor sich hin: «Jetzt ist ihre Ehefrau schon seit einem Jahr für tot erklärt. Sie war einfach verschwunden. Ich kann nicht verstehen, was geschehen ist.»

«Ach deswegen ist die pastorale Krähe vorbeigekommen», dachte Erwin, vermied aber zu lächeln. «Ich schon», sagte er und rieb sich die Augen. Dies hatte er vielfach geübt und es gelang ihm immer wieder dadurch die eine oder andere Träne herauszudrücken. «Hier», fuhr er fort und erhob sich, ging in die Küche und kam mit einem abgegriffenen Stück Papier zurück. «Hier ist Elfriedes Abschiedsbrief.» Er hielt ihm den Pastor entgegen. Dieser kannte den Brief, nahm ihn aber dennoch entgegen.

«Ich sehe den Brief eher als Testament, denn hier zum Beispiel schreibt sie…» Erwin stand plötzlich hinter dem Geistlichen und pochte mit seinem rechten Zeigefinger auf das Papier. «Hier steht geschrieben: Ich will nicht in den letzten Wochen meines Lebens vollgestopft mit Medikamenten dahinsiechen. Ich will mein Leben selbst in die Hand nehmen und es beenden, solange ich noch die Gelegenheit dazu habe.

Und hier weiter unten schreibt sie: Mein Lieber, damit hat sich mich gemeint, du kennst die Brücke ein paar Hundert Meter von unserem Haus entfernt, die, die über die Isar führt. Du weisst wie rasend der Fluss um diese Jahreszeit ist. Ich werde ihm meinen Körper übergeben und er wird ihn mitnehmen, hin zu einem besseren Ort, da bin ich mir ganz und gar sicher.»


Der Pfarrer kannte die Stelle in Elfriedes Abschiedsbrief. Schon oft hatte er die Worte gelesen oder gehört. Er nickte. «Ich weiß», sagte er zögerlich, «der Leichnam konnte bis heute nicht gefunden werden.» Erwin nahm behutsam das Papier aus der Hand des Pfarrers, setzte sich und vertiefte sich in das Geschriebene.

Der Geistliche akzeptierte und beobachtete sein Gegenüber, dem Tränen über die Wange liefen. Kurze Zeit später erhob er sich und sagte: «Schön, dass Sie zu Elfriedes Andenken eine Messe lesen liessen. Das Gotteshaus war gut gefüllt.»


Erwin blickte nicht auf. Der Pfarrer legte seine Hand auf Erwins Schulter und drückte leicht zu. «Machen sie es gut. Sie wissen, die Pforte unserer Kirche stehen auch Ihnen immer offen.

Wenn sie mögen, werde ich sie wieder besuchen.»

«Tun sie das», erwiderte Erwin, nachdem er seinen Blick von dem Brief losgerissen hatte, «Ich freue mich immer, wenn sie kommen, aber hoffen sie nicht darauf, dass ich eine Messe besuchen werde.»
«Machen sie sich darüber keine Sorge. Sie sind ein getauftes Gemeindeglied und werden Gottes Segen auch in ihren eigenen vier Wänden erfahren.»

Der Geistliche dachte kurz nach und war zufrieden über die Worte, die er gesprochen hatte. Er hatte genug getan. Jetzt konnte er gehen. Auch er benötigte freie Zeit, um zu tun, was ihm inneren Frieden beschwert. Zuhause wartet ein 1000 Teile Puzzle.

«Finden sie alleine den Weg», fragte Erwin mit dünner Stimme, da schlug auch schon die Haustüre ins Schloss.

Lächelnd faltete Erwin das Stück Papier zusammen, legte es wieder vorsichtig zurück in die Schachtel, die in der Küche auf dem kleinen Schränkchen stand und holte sich eine volle Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Sein Blick ging zur Küchenuhr. 17.30 Uhr. Es war Zeit, etwas zum Essen zu kochen. Heute allerdings war ein besonderer Tag. Erwin wollte sich beeilen. Er hatte seiner Elfriede viel zu erzählen, nicht nur von dem Pfarrerbesuch. Schliesslich war heute ihr Einjähriges und außerdem gab es heute eine neue Folge des Münsteraners Tatort. Von Boerne und Thiel schwärmten beide schon seit mehreren Jahren.


Erwin war kein guter Koch, aber er bemühte sich redlich. Heute sollte es Bratkartoffeln und Koteletts geben, Elfriedes Leibgericht. Die Kartoffeln hatte er schon heute früh gekocht, die Koteletts waren paniert, so ging alles recht schnell. Es blieb sogar noch Zeit, um einen leckeren Gurkensalat vorzubereiten.


Als alles gerichtet war, kramte Erwin das große Tablett hervor, stellte Teller, Tassen, Besteck und das Essen darauf und ging ins Schlafzimmer, um seine Thermohose und die dicke Jacke zu holen. Beides zog er sorgfältig über, ging in den Flur und holte die dicken Schuhe und die dicke Fellmütze, die an der Garderobe hing. Anschliessend überprüfte er sorgfältig, ob die Haustüre verschlossen war. Heute Abend konnte er keinen Besuch gebrauchen. Zur Sicherheit stellte er die Klingel ab. Nachdem er alle Vorbereitungen beendet hatte, ging er zurück in die Küche und holte das Tablett. Er trug es vorsichtig hinunter in den Keller, stellte es vor der schweren Eisentür ab und öffnete die Tür zum Kühlraum. Das Licht blitzte auf und Erwin trug das Tablett in den schön dekorierten Raum, der einem Wohnzimmer glich. Er stellte das Tablett auf den schönen Holztisch, den Blumen zierten, sie waren aus Stoff, wirkten aber ziemlich echt. Erwin schaute sich um und fühlte den Stolz darüber, was er geschaffen hatte. Vor Kurzem noch hatte er frisch tapeziert und einen neuen Teppich besorgt. Der bequeme Fernsehsessel passte gut dazu.


«Du wirst nicht glauben, wer mich heute besucht hat.» Erwin deckte den Tisch und ließ seinen Blick hinüber zu dem Sessel gleiten. «Pfarrer Benecke wollte wissen, warum ich heute früh nicht in der Kirche war. Wir haben uns etwas unterhalten und ich habe ihm wieder einmal deinen Abschiedsbrief vorgelesen. Bald danach wollte er gehen, ich habe ihn ziehen lassen. Er hat nichts von dem Kaffee getrunken, den ich ihm kredenzt hatte. Hahaha, vielleicht war er ihm zu kalt.


Einmal habe ich mich verplappert, aber ich glaube er hat nichts gemerkt, na egal, jetzt bin ich bei dir.»

Ein seliges Lächeln glitt über Erwins Gesicht als er Elfriede anschaute. «Schau mal, was ich uns gekocht habe. Nach dem Essen können wir gemeinsam Tatort schauen.»


Erwin ging hinüber zu seiner Elfriede. Schön sah sie aus in ihrem hellblauen Kleid, welches er ihr zur Goldenen Hochzeit geschenkt hatte. Er dachte daran, wie er es ihr vor einem Jahr übergezogen hatte, nachdem die Tabletten gewirkt und er ihr die Pulsader aufgeschnitten hatte. Das Blut war schnell aus ihr herausgeflossen, so als helfe sie irgendwie mit.

Er berührte ihre Hand. Es fühlte sich gut an, wie immer.    



















Andreas Ross, derzeit 58 Jahre alt, Tendenz steigend, verheiratet, zwei nahezu vollständig erwachsene Kinder, die ihn nicht mehr so oft brauchen, deswegen mehr Zeit, um als «Mundwerker» Geld zu verdienen und zu schreiben. Er ist Sozialpädagoge, in der Mieterberatung für verschiedene Südhessische Baugesellschaften tätig und findet während seiner Arbeit in den langen dunklen Fluren der in die Jahre gekommenen Miethäuser immer wieder Anhaltspunkte für seine skurrilen Geschichten. Dazu kommt die Liebe zu seiner Wahlheimat Darmstadt.


Neben zwei Kurzgeschichtensammlungen «Begegnung mit dem Berserker» (2011) und «Das Leben ist eine Zicke» (2018) sind vier Kriminalromane erschienen, «abgedrückt» (2013), «weisskalt» (2015), «Tage, die alles verändern» (2017) und «Innere Schreie» (2020).


Mehr Informationen zum Autor gibt's hier auf seiner Webseite.

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