«Still Rap Music» im Soundcheck
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«Still Rap Music» im Soundcheck

Der Titeltrack «Still Rap Music» dringt mit einer angenehmen Aggressivität durch die Boxen. Das pumpt ganz anständig und die Abwechslung zwischen italienischen Punchlines und Versen im Ostschweizer Dialekt harmoniert erstaunlich gut. Endlich wieder mal richtiger Rap ohne Autotune, dafür aber mit ziemlich viel Wucht.


«L’artista» lässt die guten, alten Zeiten aufleben und löst in mir ein nostalgisches Gefühl aus. Mit einer Leichtigkeit wird in dem etwas kurzen Stück die Liebe zur Musik zelebriert und es fällt sofort auf, dass hier Jungs am Werk sind, die auch wirklich etwas mitzuteilen haben und nicht bloss hohle Phrasen dreschen.

Auch «Jung und Alt» klingt wie ein Track aus den späten 90er-Jahren. Es ist eine Mutmacherhymne, die einem animiert auf diesem Planeten wirklich Spuren zu hinterlassen, denn der Mensch definiert sich nicht durch irgendwelchen Besitz, sondern viel mehr durch seine Taten. Carpe diem!  


«Ka Peace zeichne» ist verdammt real und der lockere und humorvolle Part von Pat Mc hat mich sofort zum Fan der Jungs gemacht. Auch Doppia erre lässt sich definitiv nicht lumpen und haut hier mächtig was raus. Gemeinsam zeigen die Beiden, wie man aus einem Beat einen richtigen Kopfnickertrack macht, der vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt. Die Scratches am Schluss sind echter Balsam für die Seele der «alten» Rapfans, denn in der heute populären Musik finden solche Plattenkratzergeräusche leider fast gar nicht mehr statt.


Würden die Jungs auf «No Playback» noch englisch rappen, könnte man sie fast schon mit Cypress Hill verwechseln. Ich mag diesen «richtigen» Rap sehr, weil er aus Leidenschaft und Feuer geschmiedet wird und nicht entsteht, um dem Bankkonto weitere Stellen hinzuzufügen.

«Ohne Leidenschaft ist jede Leistung sinnlos.» - Was für ein grandioses Zitat, welches der Zwischenspieler «Leistungsskit» bereithält.


Wow, was für ein Beat. «10'000 Watt» fährt sofort unter die Haut mit seiner traurigen Grundnote. Den Sprechgesangskünstlern Doppia erre und Geebra gelingt es bei diesem Song eindrucksvoll, den enormen Druck, welcher auf Leistungsträgern lastet stimmungsvoll und nachdenklich zu porträtieren. So wird einem schnell klar, dass eben doch nicht alles Gold ist, was glänzt.


Das Lied «Anderscht» hat einen speziellen Beat, der einem auf eine Fährte lockt und dann trotzdem in eine total andere Richtung geht. Doch dies ist für die beiden Rapper kein Problem, wenn sie leichtfüssig drüber flexen. Es ist ein etwas sperriger, aber durchaus hörenswerter Titel.

Zum grossen Gipfeltreffen aller Rapper des Labels kommt es auf dem Song «167 Posse», welcher mit einem Beat auffährt, welcher mit viel Druck nach vorne auch noch die letzten Staubkörner aus den Membranen bläst. Warum machen nicht wieder mehr Schweizer Rapper solche Musik, die authentisch klingt und zudem noch ziemlich bounct?

Ziemlich witzig und entspannt klingt das Lied «Mic Check», das vor Selbstironie und Klischees trieft. Ich fühle mich köstlich unterhalten, wenn beide MCs Sigy Säck und Pat MC jetzt nicht so genau wissen, welcher denn nun die Hook mitbringen soll. Ausserdem zeigt das Werk nicht nur dass die Jungs das Herz am rechten Fleck haben, sondern das Rap durchaus auch humoristische Züge haben darf. Cool!


«Earl Skit» ist ein musikalisches Bindestück mit Hintergrundgeräuschen aus dem Studio, welche einen Blick hinter die Kulissen erhaschen lässt. (In dieser Qultur ein durchaus mehrdeutiges Verb…)

Mit der Zeile «Alti Sample, trotzdem ganz frisch.» beschreibt Pat MC, die Magie seiner Crew ganz passend. Mit dem Lied «The Real» schaffen es die Jungs eine Atmosphäre zu erschaffen und einige hörenswerte Lines rauszuhauen. In ihren Zeilen spiegeln sich die Erfahrungen und die errungenen Skills. Es fällt einem sofort auf: Hier ist definitiv eine Crew am Werk, die keine Schnellschüsse produziert, sondern ihre «Patina» gekonnt in Szene setzt.


Das düstere «Ziit» von Geebra und Pat MC geht ans Herz und zeichnet eine gewisse Hoffnungslosigkeit nach. Sehr gelungen und irgendwie ziemlich passend zum heutigen, echt lausigen Wetter.

«Retro» feiere ich so richtig, da das Lied nochmals ein grosses Ausrufezeichen für Boom Bap setzt und zeigt, dass es ein echter Gewinn sein kann, wenn man zu seinen Werten und Wurzeln steht. Ich mag die Ehrlichkeit der Jungs, die immer mit offenen Karten spielen und nie ein Blatt vor den Mund nehmen.


«Past» ist Sozialkritik pur und trotzdem zeigen die Rapper, dass sich die Zeiten eben doch ändern und man sich entwickelt. Eigentlich ganz gut so, wenn man aus Fehlern lernt und sie nicht in Endlosschleife repetiert.


Warum das Meisterwerk «La scia» genau am Schluss des Albums steht, verstehe ich nicht wirklich. Hier zeigt Doppia erre ein psychodelisches Werk, welches einem zum Nachdenken anregt und fast ein wenig verstört. Ich finde, Musik darf ruhig aufrütteln und muss nicht immer leicht zu verdauen sein.


Am Schluss gibt’s noch einen tollen, eingängigen Remix vom «Ka Peace Zeichne» als Bonus obendrauf. Sehr geil!

Schlussfazit:
«Still Rap Music» ist eine aussergewöhnliche Kompilation, die von Anfang bis zum Schluss authentisch bleibt und einen nostalgischen Flashback auslöst. Das Label Zona 167 Produzioni schafft es dabei ein Boom Bap Album vorzulegen, welches wie aus einem Guss klingt und für Begeisterung sorgt. Während andere Labels bei solchen Alben Restposten- Tracks aneinanderreihen, hauen die Jungs kompromisslos und mit viel Motivation einige richtige Banger raus, welche Lust auf mehr machen. Das ist real, authentisch und lässt gleich wieder Hoffnung aufkommen, dass der gute alte Rap eben doch nicht so einfach totzukriegen ist.  

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