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Bild/Illu/Video: Max Weiss

Afro-Pfingsten Opening: Start me up!

Eigentlich wollte ich ja einen allgemeinen Bericht über Afro-Pfingsten verfassen. Draussen, der afrikanische Markt mit den vielen Ständen, wo überall ein paar Strassenkünstler und Bands spielen, so, wie ich es von früher kannte und schätzen gelernt hatte. Doch abends finden da ja auch immer Konzerte statt, während dieser sechs Tage vom ersten bis sechsten Juni dieses Jahr. Als ich mir die Namen bei diesen Abendkonzerten anschaute, stach mir sofort ein Name ins Auge: Richard Bona. Ich staunte nicht schlecht.


Praktisch allen meinen Kollegen, nicht einmal den Musikern, sagte der Name etwas, - ein paar waren die letzten zwei Tage im Letzi am Rammsteinkonzert, das kannten sie. Kann ja natürlich lustig sein, auch die Feuershow und alles, aber sorry: Wenn man sein Leben lang selbst Musik macht, produziert und mit unzähligen Bands gespielt hat, ist man leider vielleicht ein wenig schnell gelangweilt von den immer gleichen Schemata, - natürlich sind sie zwar geil, aber rhythmisch vielleicht, zumindest für mich, absolut uninteressant.


Richard Bona wäre da schon ein anders Kaliber, dachte ich mir. Ein Name, der Spitzenklasse versprach.

Auf gut Glück schrieb ich an das Festival, dass ich einen Erfahrungsbericht aus der Ich-Perspektive schreiben wolle, insbesondere auch über erwähnten Musiker, und bekam prompt die sehr freundliche Antwort, dass ich auch ans sogenannte Pre-Opening geladen sei, man habe mich auf die Gästeliste gesetzt.

Dieses Jahr finden die Konzerte im Salzhaus statt, nicht weit weg vom Bahnhof in Winterthur. Ich kannte diese Location bislang nicht, oder nur vom Hörensagen, parkte recht weit weg davon, denn Parkplätze gibt es dort nicht. In der Nähe gibt es einige Parkhäuser, doch mir persönlich war schon der Stau in der Stadt zu viel. Ich denke, ohne Kohl jetzt, dass ich an einer Ampel mindestens zehn Minuten warten musste. Ein wenig ausserhalb hat es überall Platz und ein bisschen spazieren tat mir ohnehin gut.


Ein Backsteingebäude, das zum Beispiel an einen typischen Schweizer Güterbahnhof erinnert, war mit Salzhaus angeschrieben. Wo ich rein musste, wusste ich nicht.  Aber als ich dann auf gut Glück eine Türe öffnete, wurde ich, glücklicherweise genau von der PR-Managerin des Festivals, - Angelina, die mir so freundlich auf mein Mail geantwortet hatte -, instruiert, dass der Eingang für Presse und Sponsoren links sei, ich mich aber noch ein wenig gedulden müsse.


Pre-Opening
Dort warteten schon im Regen ein paar Gestalten, die mir sehr nach Schreiberlingen und Fotografen ausschauten. Ohne Probleme wurden wir eingelassen und uns erwartete ein herrliches Buffet. Auf der einen Seite Häppchen, von welchen auch die nette Dame hinter dem Tresen nicht genau wusste, was sie drin hatten, was mir ziemlich egal war. Einer blonden, energischen Mittfünfzigerin vor mir war das überhaupt nicht egal, und sie getraute sich nicht, einfach mal eines zu probieren, da sie, wie sie mir und allen mitteilte, strikt vegan sei. Als die, mir bereits aus St. Gallen bekannte Dame hinter dem Tresen professionell reagierte und bei ihrem Chef nachfragte, gab es Entwarnung, es sei alles rein auf pflanzlicher Basis. Ich verbiss mir jegliche sarkastische Frage. Es schmeckte wunderbar, und den Geschmack eines dieser typischen afrikanischen Gewürze schmecke ich jetzt noch. Ich bin da relativ unbedarft, aber denke, sie könnten senegalesischer Herkunft sein. Auf der anderen Seite sind die üblichen Apéro-Getränke wunderschön verführerisch bereitgestellt. Man tut sich natürlich allerseits ausgiebig gütlich. Ich lerne derweil ein paar spannende Leute kennen. Fotografen, Reporter, Helfer, Sponsoren, Musiker aus allen Schichten, in allen Farben.


Irgendwann beginnt ein Moderator in ein Mikrofon zu sprechen. Ein Schwarzer, zuerst in breitestem Luzernerdialekt, dann wechselt er auf astreines Hochdeutsch. Auch sein Kollege macht einen guten Job und sie heizen energisch und eloquent im Stile eines amerikanischen Boxmoderators die Stimmung an und geben einen ersten Eindruck von dieser ungetrübten Lebensfreude, die ich von Musikern aus diesem Kontinent so lieben und schätzen gelernt habe. Man verzeihe mir an dieser Stelle, dass ich mich nicht mehr an die für mich ungewohnten richtigen afrikanischen Namen der beiden erinnern kann, doch «Man nennt mich auch Bongo» ist hängengeblieben.  Wie soll man auch mitschreiben, wenn man in der einen Hand ein Weissweinglas und in der anderen ein orientalisches Gebäck auf einer Serviette balancieren muss, denke ich gerade innerlich grinsend.


Rassismusvortrag
Dasselbe gilt für die zwei jungen schwarzen Damen, die anschliessend das Thema Rassismus mit einer Diashow erläuterten. Mein Namensgedächtnis war schon immer miserabel, soviel zu meiner Entschuldigung, aber all die Leute um mich herum konnten mir auch keine genaue Auskunft geben. Doch zugehört haben die meisten, jedenfalls. Sätze, sinngemäss zitiert, wie etwa: «Das Christentum hat der Sklaverei erst die Legitimation verliehen»,  oder: «Auch die Schweiz ist natürlich mitschuldig an der Ausbeutung des afrikanischen Kontinents, zum Beispiel heute noch die Banken»,  «in den 60ern gab es in Grossstädten, auch in Zürich, noch eine Afrikaner-Schau wie im Zoo», liessen wohl alle Weissen nicht ganz kalt.


Eine blonde Frau neben mir sagte zu ihrem Mann, so etwas finde sie deplatziert, sie sei Sponsorin, sie werde reklamieren, worauf eine heftige Diskussion zwischen den beiden ausbrach, jedoch natürlich nur geflüstert. Auch ich selbst fühlte mich natürlich sofort mitschuldig, als 47-jähriger, kleiner weisser Mann mit einer Wampe, obwohl ich ja diverse dunkelhäutige Freunde und auch in rein afrikanischen Bands gespielt habe.


Bei einem habe ich übrigens nach vielen Jahren Freundschaft erst vor einigen Wochen gemerkt, dass er einen afrikanischen Anteil Gene in sich trägt. Aber nur, weil er es nach vierzig Jahren Freundschaft auf einmal thematisierte, dass er schwarz sei. Ich hatte es schlicht nicht bemerkt, dass sein Grossvater aus Kenia stammte. Weil wir nach ein paar Bier über die grassierende Woke- und Cancel Culture mit ihren teilweise merkwürdigen Auswüchsensprachen sprachen.


Er hat Wirtschaft studiert, ist in der Chefetage einer Bank, allseits beliebt, und das war er auch schon als Kind.  Wir versuchten immer neidisch so braun wie er zu werden. Doch auf einmal fühlt er sich jetzt als Schwarzer und irgendwie benachteiligt. Und ich mich schuldig.  Und befangen. Jedes Wörtchen muss ich auf einmal sorgfältig abwägen, was ich zu diesem Thema hier tippe. Bin ich jetzt wirklich auf einmal ein Rassist, wenn ich jetzt manchmal befürchte, dass ein Zu-viel-des- Guten wahrscheinlich eher schädlich für zwischenmenschliche Beziehungen sein könnte?

Wenn man Angst hat, etwas zu sagen, wenn man nicht locker und frei sprechen kann und dauernd aufpassen muss, dass es keine Schwierigkeiten gibt, gehen manche doch dann lieber einer anderen Hautfarbe aus dem Weg, oder? Ich nicht, ich kann es mir nur vorstellen. Es war noch nie lustig, mit Leuten zu feiern, die dauernd beleidigt sind. Die wirklichen Rassisten kümmert es sowieso einen Dreck, nehme ich einmal an. Die werden Idioten bleiben und deswegen niemanden weniger hassen. Einige werden vielleicht etwas sensibilisiert, und achten bewusster darauf, niemanden zu verletzen.


Am sensibelsten sind meiner Meinung nach ja meistens gar nicht die Betroffenen, sondern alle anderen. Empörialismus.


Ich weiss auch nicht. Die Rednerin sagt auch, dass wir verstehen müssen, dass die Qultur, in der wir hier leben, weiss ist. Sogar das Denken. Ich persönlich hielt das bis anhin halt eben für normal, auch schlicht geografisch bedingt.


In Indien ist doch beispielsweise die Logik auch häufig indisch und nicht westlich geprägt?


Ich mag halt nicht immer diese andauernden Schuldzuweisungen, die einem zu allem Möglichen schon in der ersten Klasse eingetrichtert werden. Nein, ich bin nicht an allem schuld und will es auch nicht sein. Und auch kein Ausbeuter.


Auf jeden Fall hat mich die Rede zum Nachdenken bewegt, doch obwohl ich mich schon seit langem mit dem Thema ausführlich beschäftige, bin ich etwas unsicher, wo das richtige Mass ist und fühle mich ein wenig befangen.


Absolut einer Meinung bin ich, dass Afro-Pfingsten eine tolle Sache für alle ist und auch Barrieren abbaut. Ich selbst liebe eben die Eigenheiten von verschiedenen Qulturen, auch von verschiedenen Ländern, ohne jetzt gleich alle in einen Topf werfen zu müssen. Ich gehe ja dahin, um afrikanische Musik zu hören und eben genau nicht den üblichen Einheitsbrei und bin ja auch nicht hier, um zu politisieren, sondern um gute Musik zu geniessen.


Musikalische Auflockerung
Die Rede ist vorbei, Bongo und der andere Moderator machen wieder Feierlaune und die erste Band Nongoma feat. MBC spielt schon jetzt spontan ein kleines Set nur für uns «VIP's», doch ehrlich gesagt bekomme ich davon nicht viel mit, weil ich draussen ein paar alte Bekannte sehe und sonst noch viele andere Leute kennenlerne. Man kennt das ja.


Der Stadtpräsident von Winterthur wird als Herr Künstler angekündigt, - er heisst Künzle -, was das Publikum zum herzlichen Lachen bringt. Er spricht ein wenig über das Virus, weswegen die letzten zwei Jahre das Festival nicht habe stattfinden können. Dieses Jahr hätte die Politik dazwischengefunkt, besser gesagt der krieg in der Ukraine. Das ganze Festival wurde nämlich erstmals an diesen neuen Standort verlegt, weil in der Mehrzweckhalle in der alten Region ukrainische Flüchtlinge untergebracht seien. Auch das wird ein wenig rund um mich diskutiert.


Das sogenannte Pre-Opening ist vorbei und nach einer Pause wird das Publikum in den Saal gelassen, der sich in wenigen Minuten füllt. Auch alle anderen Konzerte seien voll, hatte der Moderator gesagt. Ich nehme an, das heisst ausverkauft.


Insider
Zwei Bühnentechniker vor der Türe erzählen mir, dass der Topstar des Abends, Richard Bona, recht unkompliziert und sehr schnell beim Soundcheck gewesen sei und er genau wusste und dirigierte, wie seine Band klingen sollte. Auch die erste Band sei sehr locker im Umgang gewesen, dem Gitarristen hätten sie auch gleich den Amp eingestellt, den sie für ihn mitgebracht hätten. Er sei sofort zufrieden gewesen mit dem Sound. Und auch die Sängerin könne einen Synthi des nachfolgenden Keyboarders benutzen, was viel Umbauarbeit erspare.


Nogoma feat. MBC
Der Moderator erzählt von Nogoma, die Frau auf der Werbung, die ein musikalisches Multitalent sei, und kündigt sie vollmundig an. Sie werde begleitet von MBC, was eigentlich ausgeschrieben «Ma belle Chérie bedeutet.»


Die drei Männer von MBC beginnen und legen direkt mit fröhlichen, sich häufig wiederholenden, eingängigen afrikanischen Rhythmen los, sodass sich das Publikum von Beginn an im Takt dazu bewegt. Mamoudou Doumboya an der Gitarre singt souverän und hat das Publikum von Anfang an im Griff. Percussionist Raphael Kofi sitzt in der Mitte mit verschiedenen Trommeln, singt manchmal zweite Stimme und übernimmt später auch den Leadgesang. Die zwei sind ein eingespieltes Team, wie ich auf Youtube herausfinde. Links, ein wenig im Hintergrund, unterlegt der Bassist das Ganze mit wunderschönen Bassmelodien. Die meisten Lieder sind typisch für die Musik aus Ghana auf drei bis vier Akkorden aufgebaut. 


Zwischendurch überraschen die drei mit ausgefeilten, komplexen Breaks und Unisonos. Von Anfang an sind das Publikum und ich selbst fasziniert von der rhythmischen Vielfalt. Mühelos wechseln sie zwischen verschiedenen Stilen. Unterschiedlichste Richtungen aus Afrofunk, Afropop, Reggae, Highlife und traditioneller Musik aus Guinea-Conakry und Ghana vermengen sich zu einer berührenden, mitreißenden und dabei doch anspruchsvollen Musik mit universeller Botschaft, welche ich zwar von der Sprache her nicht verstehe, aber die einfach irgendwie unbeschwert macht. Jeder der drei hat auch Solo-Parts und es zeigt sich, dass alle drei sehr gute Musiker sind. Irgendwann frage ich einen Insider neben mir, wo denn eigentlich Nogoma bleibe, die hübsche Frau, die überall auf den Plakaten zu sehen sei. Er erklärt mir, dass es bei der Bandzusammenstellung ein paar Hindernisse gegeben habe und sie deswegen einfach das Programm umgestellt hätten. Ich bin nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, der Bassist ist normalerweise nicht dabei. Irgendwann kommt Nogoma dann noch trotzdem, und singt anfänglich eher scheu und dann immer mutiger dazu. Sie hat eine wunderschöne, auf jeden Fall geschulte Stimme, welche einem angenehme Schauer über den Rücken laufen lässt.


Ich bin zwischendurch wieder draussen, doch als ich wieder hereinkomme und ein paar Stücke höre, klingen sie zu viert mehr oder weniger improvisiert, doch das stört mich nicht. Man merkt einfach ein bisschen, dass die arrangierten Kicks und Breaks von vorher eher fehlen und nach meinem Gefühl die Sängerin sich bei den meisten Songs nicht richtig integrieren kann und halt ein bisschen mitsingt, statt den Lead zu übernehmen, wie ich erwartet hatte.


Zwischendurch spielen sie wohl ihre Lieder, als sie nach hinten an die Synthis der nächsten Gruppe geht und schöne Teppiche legt, doch der grosse Rest wird fortan einfach gejammt.


Obwohl der Klang insgesamt richtig gut abgemischt ist, kommen nicht alle Instrumente, wie zum Beispiel die Kalebasse des virtuosen Perkussionisten, richtig authentisch rüber.  Aber es ist nie zu laut, und die gerundeten Line-Arrays vor der Bühne zusammen mit den Holzbalken an der Decke sorgen für einen richtig guten Sound, der nie zu laut oder zu aufdringlich ist.


Die Calabash, ein ausgehölter Kürbis, eigentlich ein Gefäss, um zum Beispiel Flüssigkeiten zu transportieren, hätte mehr Klänge zu bieten gehabt, die im Mix mehr oder weniger auf zwei verschiedene Klänge reduziert wurden. Denke ich zumindest, doch es ist mir sehr bewusst, dass das keine einfache Aufgabe zum Mischen und Microphonieren war.


Obwohl ich anfänglich sehr erfreut war, endlich andere Musik als Mainstream zu hören, schwächelte die Darbietung ein wenig gegen Schluss. Vielleicht auch ich, weil ich es mir schlicht nicht mehr gewohnt bin, an Konzerten zu sein und mit so vielen Leuten zu sprechen.


Ich fühlte mich an die spontanen Auftritte mit einem Coraspieler aus Ghana erinnert, der mich, manchmal bloss ein paar Stunden vor einem grossen Festival, wo er einen Auftritt hatte, anrief und völlig locker fragte, ob ich nicht mitspielen würde. Ich solle dann doch gleich noch bei Gelegenheit einen Drummer und einen Bassisten mitnehmen.  Ich lache bei dem Gedanken an diese Erlebnisse.

Irgendwie ging es immer, und weil den meisten Europäern diese Musik fremd ist und niemand weiss, wie es richtig klingen sollte, - das wussten wir anderen Musiker bei den meisten Songs auch nicht. Man darf sich einfach nichts anmerken lassen, und das tut die zusammengewürfelte Band auf der Bühne auch nicht.


Eigentlich wunderschön, diese afrikanische Lockerheit und Unbeschwertheit, die ich bei helvetischen Bands kaum erlebt hatte. Lebensfreude pur. Doch selbstverständlich stimmt auch dieses Klischee so nicht, wie nur schon der nächste Act zeigen sollte.


Richard Bona
Nach einer recht langen Pause, welche viele an den zwei Foodständen mit senegalesischen Gerichten verbrachten, ging es pünktlich mit Richard Bona weiter. Auf dem Programm hatte ich nur seinen Namen gelesen und gedacht, er spiele alleine, was er an vielen weltweiten Konzerten mit Bravour auch bewiesen hatte. Bona hat bei vielen Top-Jazzern und Orchestern auf der ganzen Welt gespielt und ich verfolge sein Schaffen schon lange.


Als er sich vorstellt, erwähnt er aber nicht all die vielen musikalischen Koryphäen mit ihren vertrackten, unendlich komplexen Kompositionen, die er begleitet hat, sondern, dass er bei Bobby McFerrin, John Legend und Harry Belafonte gespielt habe.


Ich liebe Harry Belafonte, bin sogar damit aufgewachsen, jedoch die meisten Schweizer Profi-Musiker empfinden das irgendwie als billige Schlagermusik oder so, weil es harmonisch nicht allzu komplex ist. Dass sein Calypsosound jedoch überirdisch arrangiert und rhythmisch viel anspruchsvoller war, als viele in ihrer Hybris meinen, ist mir längst klar.


Bona hat das Publikum sofort im auf seiner Seite, nur mit ein paar lockeren Sprüchen tobt der volle Saal. Ich hatte schon ein hohes Level erwartet, doch schon nach den ersten paar Takten haut mich diese Band aus den Socken. Kompositorische Meisterleistungen, dermassen komplex, aber trotzdem eben immer wunderbar gehörfällig, hauen die fünf Herren mit einer Leichtigkeit raus, als seien es Kinderlieder.


Vieleicht waren auch ein paar dieser Songs tatsächlich typische afrikanische Kinderlieder, ich weiss es nicht, jedoch brillanter kann man die nicht arrangieren. Obwohl ich lange Schlagzeuglehrer war, gebe ich den Versuch, nur die Taktart herauszufinden, schon während den ersten zwei Stücken auf.


Mal lassen sie einen 16tel aus, dort wird er wieder völlig unerwartet hinzugefügt, typische 4/4 werden zwischendurch zu - für mich jedenfalls - völlig unzählbaren Meisterleistungen, doch der absolute Wahnsinn ist: Das ganze groovt trotzdem wie die Hölle und klingt irgendwie eingängig, sogar auch für Leute, die musikalisch weniger Bedarf sind und sich schlichte Housebeats gewöhnt sind. Die Masse bebt, schwitzt und tanzt.


Neben mir steht ein prominenter Schweizer Profimusiker und fassungslos schauen wir uns zwischendurch an. Ich selbst habe gerade wieder einmal das Gefühl, noch gar nie Musik gemacht zu haben. So eine Band habe ich tatsächlich noch nie gehört. Auch der Ablauf ist perfekt ausbalanciert. Voll fette Funk Beats wechseln sich mit Stilen aus aller Welt ab. Wer sich ein wenig auskennt, der weiss, dass zum Beispiel echter, guter kubanischer Salsa unglaublich ausgereift ist, sodass man ihn teilweise fast nicht nachspielen kann. Mit Leichtigkeit hebt das Quintett auch diesen Stil auf ein noch höheres Level, ohne auch nur im Geringsten die Essenz zu verlieren.


Richard Bona wird manchmal, auch in diesem Programmheft, als «Sting» von Afrika betitelt. Mit Verlaub, obwohl ich Sting auch mag: Gegen diesen Typen ist der English Man in New York steif wie ein Pittbull mit Dackellähmung. Jede seiner Ghostnotes sitzt perfekt, geben zusätzlichen Drive, die Töne seines Mark-Basses und seiner Stimme auch. Es klingt wie eine CD, jedoch trotzdem nicht im Geringsten einfach herunter geleiert, sondern jeder einzelne Ton dieser Band hat Herzblut drin.


Zu Bonas Linken steht die gesamte Bläsertruppe von Tower of Power, hat man jedenfalls das Gefühl, wenn man sie nicht sieht, doch verblüffenderweise steht da genau ein Trompeter, Alexandre Herichon  und ein Keyboarder, Michael Lecoq mit seinen beiden Yahamas. Sie spielen zusammen Bläsersätze wie aus einem Guss. Sie seien aus Frankreich, soweit ich das mitbekommen habe. Die andere Seite sei aus Italien, hat Bona sie vorgestellt.


Auch der Gitarrist Ciro Manna ist der Oberhammer. Was mir geblieben ist: Bona sagte, dass er aus der gefährlichsten Stadt der Welt komme, nämlich aus Napoli. Am Schlagzeug war wahrscheinlich Ludwig Afonso, nachdem die Band früher auch benannt wurde, wenn es denn diese ist.


Im Netz finde ich ein paar Videos mit dem Titel Richard Bona Quintett, und ich glaube, es waren die, denn ganz nah an die Bühne habe ich schlicht vergessen, mich vorzudrängeln. Ich höre auch mehr, als dass ich schaue an so einem Konzert.


Allesamt sind absolute Virtuosen, und gemeinsam formen sie Emotionen von zärtlich, verspielt, romantisch, von ultraleise, bis zu einem explosiven, stampfenden Feuerwerk der Extraklasse. Ein paar Zugaben gibt es noch, und am Schluss singt Bona, begleitet vom Keyboarder, sogar noch ein klassisches Stück.


Begeistert, obwohl eigentlich sprachlos, fachsimple ich noch ein wenig mit dem Schweizer Keyboarder neben mir, auch er ist hin und weg und bewege mich auf den Heimweg. Das Autoradio bleibt aus.


Die Afro-Pfingsten in Winterthur dauern dieses Jahr noch bis zum 6. Juni 2022.

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