Die Herzlichkeit der Seele
Bild/Illu/Video: Christian Imhof

Die Herzlichkeit der Seele

Frage dich immer, was kann ich geben in dieser Situation in der ich bin? Was kann ich der Person geben, mit der ich gerade Zeit verbringe? Wir nehmen zu oft, und geben zu wenig. Wir nehmen uns was wir wollen, manchmal ohne Rücksicht auf unsere Mitmenschen oder die Umwelt. Wir nehmen auch was uns gar nicht zusteht. Geben ist sehr einfach. Erblicke was du geben kannst und gib einfach. Du brauchst nicht nachzudenken ob es klug wäre oder nicht. Frage dich nicht, ob du selbst weniger hättest, und was dir vielleicht fehlen könnte, wenn du gibst. Wenn du gibst wirst du auch erhalten. Was du erhältst ist oftmals mehr als was du gibst. Versuche dennoch mehr zu geben als du jemals erhalten könntest. Es wird deine Seele erfreuen und dir langanhaltenden Frieden zuteilwerden.


Vor einiger Zeit befand ich mich am Hauptbahnhof in Zürich. Ich kaufte mir zwei belegte Brötchen mit der Absicht beide zu essen. Als ich mich vom Verkäufer entfernte, und zum Gleis lief, zu dem ich wollte, fragte mich ein Obdachloser am Wegesrand, ob ich ihm Geld geben könne. Ich überlegte kurz und sagte ihm dann: «Geld werde ich dir keines geben, doch du kannst gerne eines meiner Brötchen haben.» Daraufhin gab ich ihm ein Brötchen. Er freute sich an der Güte meines Herzens, Freundlichkeit, die ihm offenbar nur selten zuteilwurde. Und auch ich freute mich, weil ich diesem Mann helfen konnte. Ich habe auf meine Art den Tag von jemand anderem verschönert. Hätte ich diesem Mann Geld gegeben, so hätte es sich für mich vermutlich wie ein Verlust angefühlt. Und auch aus Prinzip gebe ich nie jemandem Geld, der mich danach fragt. Ich frage immer, wozu es verwendet werden soll, und entscheide dann ob ich dies oder jenes Gut von meinem Geld kaufe und es dann weitergebe. So hat geben viel mehr Wert, für beide Seiten.

Das Brötchen, das mir noch blieb, schmeckte mir umso mehr, weil ich geteilt habe. Es geht in solchen Situationen nicht darum herauszufinden, was der andere mir geben könnte, wenn ich gebe, sondern nur darum was ich geben kann. Diese Art das Leben zu erblicken wird mir in schlechten Momenten das Gute an meiner Existenz zeigen. Es zeigt mir, dass das was ich gebe, ich irgendwann und in irgendeiner Form erhalten werde. Wann und wo, weiss ich nicht. Doch das spielt überhaupt keine Rolle. Und auch wenn ich nie etwas für diese Tat erhalten werde, ist es nicht weiter schlimm. Weil ich in diesem Moment Freude verbreiten konnte und mir selbst die Freude ebenso zuteilwurde.

Immer wenn ich an diesen Moment zurückdenke, wird mir warm ums Herz und eine unfassbare und stille Zufriedenheit durchströmt meinen Körper. Wir alle können durch unser Handeln das Leben anderer verschönern. Das Leben derer, denen es nicht so gut geht wie uns. Wie und wo, bleibt jedem selbst überlassen. In östlichen Zivilisationen gibt es das Wort Karma. Wir alle wissen was es bedeutet, manche von uns glauben daran. Auch ich glaube daran. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir im Leben immer so behandelt werden, wie wir andere behandeln. Was du in den Wald rufst, wird zurückgerufen. Hass folgt auf Hass. Zorn auf Zorn. Freundlichkeit folgt auf Freundlichkeit. Liebe auf Liebe. Alles ist ein Ganzes. Der Kreislauf des Lebens gibt uns das zurück, was wir bereit sind zu geben.

Die Herzlichkeit der Seele besteht darin durch das Ego, die Selbstherrlichkeit des Gegenübers hindurchzublicken, in sein wahres ich, seinen wahren, einzigartigen Kern. Indem wir nicht auf die impulsiven Handlungen und Gefühle der Anderen eingehen, bewahren wir unseren Frieden und lassen uns nicht zu Taten provozieren, die wir später bereuen werden. Indem wir versuchen zu verstehen, warum jemand handelt und fühlt wie er oder sie es eben tun, dringen wir zum Kern der Seele vor.

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