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Die Wiederentdeckung des Roten Wurmes
Bild/Illu/Video: Marcus Duff

Die Wiederentdeckung des Roten Wurmes

Auf Empfehlung des englischen Guardian hatte ich mir Frans G. Bengtssons The Long Ships bestellt, wohl als Echo auf die Information, dass es scheinbar australische Aborigines gewesen waren, die zuerst in der Antarktis nach Pinguinen gesucht hatten, und irgendwie brauchte dann mein nordeuropäisches Selbstbewusstsein einen Gegenpol in Form einer Dosis Wikingerabenteuer. Und gross war meine Überraschung, als ich Die Abenteuer des Röde Orm in der neuen englischen Übersetzung in den Händen hatte, die ich – auf deutsch – bereits Mitte der 70er Jahre mit Genuss gelesen hatte.


Bengtsson hat sich sein Leben lang gegen die Bezeichnung «Roman» gewehrt, er sah seinen Text eher als Bericht denn als reine Fiktion von einer Zeit und ihren Menschen, die so gewesen sein könnten. Die Geschichte des Bauernsohnes Orm, rot an Bart und Haaren, spielt im 10. Jahrhundert, genau zur Zeit von König Harald Blauzahn, eben dem, der heute der Verbindung zwischen zwei mehr oder weniger intelligenten, digitalen Gebrauchsgegenständen seinen Namen gab und die beiden nordischen Runen seiner Initialen als deren Symbol.


Die Erzählung spiegelt die Lebens- und Denkweisen der Wikinger aus der Gegend des heutigen Dänemark und aus Schweden wider, ohne belehrend zu sein oder sich in pseudo-historischen Sinnkreationen zu ergehen. Die Sprache wirkt altertümlich, aber eher durch die ungewöhnliche Syntax als durch eine häufige Verwendung von obsoleten Begriffen, die heutigen Leser*innen Schwierigkeiten bereitet hätten. Neben den an sich schon atemberaubenden Unternehmungen der Menschen um Röde Orm und ihren Abenteuern, bemüht Bengtsson häufig die aus dem Theater bekannte Teichoskopie, die Mauerschau, in der die Kampfkollegen, gefangene Feinde, Bettler oder Priester von ihren eigenen Abenteuern zum Teil über viele Seiten hinweg und sehr eloquent berichten, Netflix am Lagerfeuer mit Dünnbier quasi. Und das ist es auch, was den Bericht so ergreifend macht und mich als Leser in die Situation mit hineingesaugt hat: die Menschen berichten selbst, sie reden, beschreiben aus ihrer Sicht, aus ihrem Verständnis, aus ihrer Kultur heraus und es ist nicht der (natürlich vorhandene, aber fast unsichtbare) Erzähler, der psychologisiert, erklärt, und leider nur zu oft einen Nebel zwischen Charakteren und die Leser*innen erzeugt.


«Am Anfang war das Wort ...», immer noch, aber dann haben es die Wikinger erbeutet und es in Met getaucht und mit aufs Langschiff genommen.


Und dieses Langschiff führt sie scheinbar ohne grosse Mühen von Dänemark nach Irland, Frankreich, in die Normandie bis ins von den Mauren eroberte Spanien und natürlich wieder zurück. Jede einzelne Episode der Reisen, die Zeit als Galeerensklaven, aber auch die Phasen des «nur» Lebens in den Wikingerdörfern birst von Lokalkolorit und praller Lebensenergie und würde Stoff für jeweils eine Folge einer schon öfter erwähnten Netflix-Serie bieten mit mindestens 5 Staffeln, und trotz der vielen Opfer, die bei den Beutezügen nach Irland und England zu beklagen sind, ist dieses Epos weitaus weniger düster als R. R. Martins Song of Ice and Fire, auch bekannt als Game of Thrones.


Für mich also eine äusserst unterhaltsame Lektüre, die anscheinend auch noch über eine grosse historische Authentizität verfügt. Aber in Zeiten des Marvel-Universums mit den Verkörperungen von Thor und einem massiv unterforderten Sir Anthony Hopkins als Odin, mit der neuen Serie über Loki auf Disney+, braucht es das denn noch, oder ist es als Lesewerk längst überholt? Für mich ist die Antwort natürlich offensichtlich, die Bilder, die sich im eigenen Kopf durch die eigene Fantasie formen und bewegen, stellen leicht alles in den Schatten, was Netflix sich ausdenken könnte. Ich sitze am Lagerfeuer, in der Königshalle dabei und höre den Epen der Erzähler zu und fühle mich, als hätte ich auch rote Haare: was könnte man auch mehr wollen?


Deutsche Ausgabe: Frans G. Bengtsson, Die Abenteuer des Röde Orm, München: dtv, 1978
Englische Ausgabe: Frans G. Bengtsson, The Long Ships, London: Harper, 2014

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