10 George 10 Maramber 10 Lange Nacht der Museun
Es schwimmt eine Plastikinsel im Ozean
Bild/Illu/Video: Marcus Duff

Es schwimmt eine Plastikinsel im Ozean

Genau, darum geht’s. Darum, dass Einkaufstüten aus Stoff, zum Beispiel Baumwolle, mehr als 100mal so viel Umweltbelastung erzeugen wie Plastik-Einkaufstüten (bei einmaliger Verwendung), jedenfalls laut BANU. Wenn man also diese zu Hause hortet, weil man sie mal wieder beim Einkauf vergessen hat, dann kann man irgendwann ausrechnen, wie oft man mit derselben Tüte einkaufen gehen muss, bis sich die Ökobilanz ins Positive verschoben hat. Bei mir zu Hause ungefähr 900mal. Bei drei Einkäufen pro Woche sind das gute 6 Jahre - nur mit diesen Tüten. Wenn eine neue dazu kommt, verlängert sich das natürlich. Da versucht man, einen möglichst kleinen ökologischen Footprint zu kreieren, kauft vielleicht sogar einen Tesla, dessen neue Gigafactory im deutschen Brandenburg mitten in einem Wasserschutzgebiet gebaut wird und 300’00 Liter Frischwasser verbraucht – pro Stunde – und was kommt dabei heraus – man wird zum Öko-Sünder wie man sich auch dreht, es ist zum Verzweifeln.


Wie man sich auch eben dreht, was man auch sieht, woran man auch glaubt, alles verliert seine Eindeutigkeit. Dies ist die fast-schon Tragödie, die wir in Juli Zehs Buch «Über Menschen» antreffen.


Genau, dies ist kein Artikel über Umwelt-Paranoia, nicht mal darauf kann man sich verlassen, ich hoffe, es ist nicht so schlimm?


Dora ist die Hauptfigur in dem Roman, obwohl, vielleicht ist es auch Jochen-der-Rochen (ihre Hündin), Gote, der Nazi-Nachbar, Robert, der Öko-Krieger, mit dem sie nicht mehr zusammen ist oder allgemein die Ortschaft Bracken in Brandenburg, in der sie spontan ein herunter gekommenes Haus gekauft hat, um ihrem Werbeagentur-Kosmos wenigstens zeitweise entfliehen zu können. Ich meine, über die corona-bedingten Lockdown- und Social Distancing-Regeln hinaus. Es gibt immer tausend Gründe, warum man alles so lassen sollte, wie es ist. Es gibt meistens nur einen Grund, warum man es dann doch ändert: man hält es einfach nicht mehr aus!


Und das geschieht mit Dora, sie ist umgeben von Uneindeutigkeiten, von gebrochenen Bildern und Ideen – Jochen ist binär-weiblich, Gote ist ein meistens netter Nazi, Robert mutiert zum Greta-Dogmatiker, die Agentur Sus-Y mit ihrer Betonung von Solidarität und Nachhaltigkeit entlässt sie per sofort und bei genauerem Hinsehen scheint sogar die AfD-Attacke auf einen Zuschauer tatsächlich von diesem Zuschauer ausgegangen zu sein und keine rechte Gewalttat. Alles verschwimmt für Dora und ihr Körper reagiert lange vor dem Punkt, an dem ihr dies bewusst wird. Wie in dem Kochtopf auf ihrem Camping-Kocher in der Küche steigen in Dora immer dann Blasen vom Beckenboden auf, durch ihren Körper hinauf und zerplatzen an ihrer Hirnschale: der Druck steigt und äussert sich manchmal nur in Kopfschmerzen.


Das ganze Setting bis jetzt, vielleicht stimmen Sie mir zu, lässt einen hoffen: auf eine spannende Lösungshandlung, auf die packende Geschichte einer Durchbrechung des Imaginären zur Erkenntnis von «so ist das Leben wirklich», auf den Punkt, an dem bei einem Dampfdrucktopf normalerweise der Pinökel nach oben schnellt und der Überdruck-Dampf entweicht. Was dagegen passiert, fühlt sich eher an wie ein auf dem ökologisch-wertvollen Pelletofen vergessenes Glas Prosecco. Die Botschaft am Ende könne vielleicht sein: Städter, Dorfbewohner, Nazis, AfD’ler, Schwule, R2D2’s sind am Ende einfach Kategorien, darunter sind wir alle Menschen. Dem kann man kaum widersprechen, ist für 50 Kapitel (in Werber-Manier alle kurz und knapp und gut eingängig) und gut 400 Seiten vielleicht etwas sehr mager.


Dafür hatte ich von Anfang an das Gefühl, mit einer Nachbarin zu plaudern (vom Roman her würde mich das zu dem Nazi machen, daher gilt diese Metapher nur bedingt, bitte), die völlig ohne Ambitionen auf «eindrucksvoller Charakter» oder eine aussergewöhnliche Lebensperspektive von sich erzählt, voller Widersprüche, Unsicherheiten und manchmal Selbstironie. Das hat mich schon am Anfang mit dem Roman versöhnt, obwohl ich noch gar nicht gewusst hatte, was dann kommen würde.


Juli Zehs Roman Unterleuten von 2016 setzt bereits die Tonlage für den vorliegenden Roman mit seinem Lokalkolorit und einem ähnlichen Thema. Sie bezeichnet sich in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung im gleichen Jahr als «Unterhaltungsschriftstellerin». Ja, wir haben uns irgendwie unterhalten, nun ist aber auch gut.


Juli Zeh, Über Menschen, München: Luchterhand, 2021

Themenverwandte Artikel

The Street: Like a House on Fire – oder eben nicht
Bild/Illu/Video: Marcus Duff

The Street: Like a House on Fire – oder eben nicht

«Die japanische Brücke» - Protokoll einer Bildbetrachtung
Bild/Illu/Video: Claude Monet

«Die japanische Brücke» - Protokoll einer Bildbetrachtung

«Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge» - Protokoll einer Bildbetrachtung
Bild/Illu/Video: Jan Vermeer

«Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge» - Protokoll einer Bildbetrachtung

Empfohlene Artikel