Leben ohne Smartphone
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Leben ohne Smartphone

«Wie du hast keines?», bekomme ich seit einiger Zeit zu hören. Vorweg: Diese Frage ständig zu beantworten, empfinde ich mittlerweile als einen grossen Nachteil meines Lebensstils. Da ich schon immer einen Hang zum Extremen hatte, reizte es mich irgendwann natürlich nach einem Leben ohne Smartphone. Besitz loswerden und Verpflichtungen waren Anfängerschritte. Was ich hier vorhatte, gehörte zu dem was Fortgeschrittene tun. Es reizte mich ein Leben, ohne den ständigen Draht zur Aussenwelt zu führen. Was heisst schon Aussenwelt? Was für ein Unwort! Alles was nicht in der Seele oder des Körpers enthalten ist, könnte man doch als Aussenwelt bezeichnen? Lassen wir das.


Das ist Leben wird viel ruhiger ohne den ständigen Kontakt oder der Möglichkeit nach Kontakt zu Freunden und Familie. Man lebt viel bewusster. Viel mehr im Moment. Ohne Smartphone muss man sich komplett neu organisieren.

• Wie regle ich den Kontakt zu Freunden?

• Wie regle ich meine Finanzen?

• Wie wache ich morgens zeitig auf?

• Wohin schreibe ich meine Notizen?


Dies sind nur einige der grossen Fragen, die man sich bei der Umstellung stellt. Hier muss ich anmerken, dass ich weder WLAN noch Fernseher, Tablet oder Laptop besitze und zuhause ganz für mich bin. Suche ich den Kontakt zu anderen, muss ich raus. Was Social Media anbelangt, was für andere ein ganz grosses Thema ist, war für mich nie wichtig. Ich nutzte lediglich WhatsApp zur Kommunikation mit Freunden und YouTube, um Musik zu hören. Alles andere habe ich seit Jahren nicht mehr benutzt. Irgendwann wurde mir bewusst, dass es Schwachsinn ist und wertvolle Zeit raubt.


Ich gebe zu; man kann nicht von einem Tag auf den nächsten ohne Smartphone leben. Es braucht Vorlaufzeit. Abhängigkeiten kappen, weniger Zeit am Bildschirm verbringen, online Banking aufgeben und wieder ganz altmodisch Rechnungen am Schalter einzahlen. Oder noch besser; nur mit Bargeld bezahlen. Und immer sofort bezahlen, wenn man etwas kauft. So kann man keine Schulden anhäufen.


Die Abhängigkeit zum Gerät drastisch reduzieren als ersten Schritt, danach kann man es jederzeit versuchen. Dann ist es nur noch ein Sprung ins kühle Wasser und nicht ins eiskalte Polarmeerwasser. Wer die Herausforderung mag und sofort ohne jegliche Vorbereitung sein Smartphone nicht mehr benutzen will – Hut ab vor dem, wem das auf Anhieb gelingt.


Als mir letztes Jahr im Sommer die Idee dazu kam einige Zeit ohne Smartphone zu verbringen, war das für mich zuerst undenkbar. Da ich aber einige Bekannte habe, welche keines besitzen, dachte ich mir, dass ich das auch schaffe. Letztes Jahr lebte ich rund einen Monat ohne Smartphone und genoss es aus vollen Zügen. Da ich das blöde Teil allerdings für Arbeit und Schule brauchte und ansonsten erhebliche Nachteile gehabt hätte, beschloss ich für mein letztes Lehrjahr als Kaufmann eines zu besitzen und danach längerfristig ohne Handy zu leben.


Hier bin ich nun und geniesse mein Leben vollends. Natürlich fühle ich mich ab und zu allein, so ganz ohne digitalen Kontakt zu anderen. Gehört das nicht zum Leben dazu, sich manchmal allein zu fühlen? Ich denke schon. Ich verbringe meine Zeit neuerdings viel öfters mit Lesen und Schreiben – etwas das ich mir durchs ganze letzte Jahr hinweg gewünscht habe. Ich vermisse allerdings die Möglichkeit Filme zu Hause zu sehen, doch ich mache mir immer wieder bewusst, dass dies keine Selbstverständlichkeit werden darf und darum jeder Film, den ich schaue zu einem ganz speziellen Erlebnis werden lässt. Leben ohne Smartphone hat einen Haufen Vor- und Nachteile. Jeder bestimmt diese selbst. Bei mir überwiegen die Vorteile, darum tue ich es.


Zum Schluss einer der besten Vorteile:

Man kauft viel, viel, viel weniger ein. Ohne Smartphone besteht (bei mir zumindest) nicht die Möglichkeit von zu Hause aus etwas zu bestellen. Dadurch wird es viel mühsamer etwas Neues zu kaufen und bringt mich dadurch gar nicht in Versuchung etwas zu kaufen. Man kann sich nichts mehr aus Langeweile kaufen. Ich bin unendlich froh mich so entschieden zu haben und freue mich umso mehr auf ein spannendes Leben und viele schöne Momente im Offlinemodus.


Es mag für manche erscheinen, ohne dieses Gerät zu leben, sei extrem, doch sobald man es versucht hat, wird man einsehen müssen, dass es einfacher als gedacht, unglaublich befreiend und erleichternd ist. Ich kann die Entkoppelung zum Mobiltelefon jedem von ganzem Herzen empfehlen!

Themenverwandte Artikel

Gut ist gut genug
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Gut ist gut genug

Einfachheit nutzen, um Stress zu vermeiden
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Einfachheit nutzen, um Stress zu vermeiden

Kindheitsträume aufleben lassen
Bild/Illu/Video: Sandra Peters

Kindheitsträume aufleben lassen

«Just keep livin'»
Bild/Illu/Video: zVg.

«Just keep livin'»

Empfohlene Artikel