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Von Zweifel und Vertrauen
Bild/Illu/Video: Lucas J. Fritz

Von Zweifel und Vertrauen

Wir leben in einer Zeit des materiellen Wohlstands, zumindest in der Welt, die ich kenne. Nun hatte ich kürzlich ein Gespräch mit einer guten Bekannten, die mich fragte ob ich mir ganz sicher sei bei dem Abenteuer, dass ich in Angriff zu nehmen im Begriff bin. Ob ich genug Vertrauen habe, mit teurer High-Tech-Ausrüstung monatelang an einem abgelegenen Strand zu leben und dieses Vertrauen auch die Menschen einschliesst, die dort leben? Nun, die Frage stellte mein Vertrauen auf eine ganz ungeahnte Art und Weise auf die Probe. Die rein subjektive Ansicht der besagten Gesprächspartnerin, welche sich in ihren persönlichen Erfahrungen ergründete, löste in mir das Gefühl des Zweifels aus, welches mich unerwartet traf, da ich schon sehr lange nicht mehr an der Richtigkeit meines Tuns gezweifelt habe.


Ich vertraue grundsätzlich. Ich vertraue den Menschen und den Situationen, in die ich mich willentlich begebe und nicht zuletzt meinem Instinkt. Ich traue allerdings auch jedem alles zu und bin überzeugt, dass jeder Mensch zu abscheulichen Gräueltaten jedoch auch zu wundervollen Handlungen der Nächstenliebe fähig ist. Ich vertraue grundsätzlich... in die guten wie aber auch die schlechten Seiten meiner Mitmenschen. Indem ich die schlechten Seiten meiner Mitmenschen durch mein Tun und Lassen nicht heraufbeschwöre, habe ich kaum etwas zu befürchten. Ich vertraue und traue mir selbst alles zu. Wozu dann noch Angst und Zweifel verspüren? Wenn ich glaube, dass alles was geschieht und noch geschehen wird im Vertrauen um Gut und Böse oder Gut und weniger Gut geschieht, so habe ich doch nichts mehr zu fürchten. Wenn ich sage, ich gehe nun für ein halbes Jahr an einen Ort in dieser Welt, welchen ich zuvor bereits einmal für sechs ganze Wochen besucht habe, die Menschen und das Land erlebt habe und dabei einen mir völlig unbekannten Seelenfrieden verspürt habe, weshalb und wie könnte ich da nicht grundsätzlich ins Gute dieses Ortes und ins Herzliche dieser Menschen vertrauen?


Wenn ich glaube, dass ich so behandelt werde, wie ich meine Mitmenschen und meine Umwelt behandle, so muss ich mich nicht fürchten, wenn ich denn im Vertrauen und mit guten Gewissen nicht wider meines Innenlebens handle. Wenn ich meine Mitmenschen grundsätzlich gut und herzlich behandle und versuche in ihnen dieses Vertrauen zu nähren, so ist dies unbeabsichtigt auch ein Schutz für mich selbst. Denn wer tut jemandem, der einen immer gut behandelt, mit Bosheit und Abscheu etwas Schlechtes? Ganz nach dem Prinzip So wie ich dir, so du mir vertraue ich den Menschen und der Welt, grundsätzlich und mit voller Absicht. Wenn ich mich nicht mit dem Materiellen dieser Welt identifiziere, so muss ich mich nicht davor fürchten, dass mir etwas gestohlen wird oder dass ich etwas davon verliere.


Was lebensnotwendig ist, werde ich nicht aus den Augen lassen, was mir nicht gegeben sein soll, wird mir wieder genommen. Wenn ich mich nicht mit dem Materiellen dieser Welt identifiziere, bedeutet ein möglicher Verlust dessen für mich, dass ich mich dadurch weder aufwühlen noch mir meinen inneren Frieden nehmen lasse.


Woher stammt der Zweifel und das Misstrauen?

Ich bin überzeugt, dass jene Dinge im Unwissen über die Wirklichkeit und in der Angst vor der Wirklichkeit ihren Ursprung finden. Gehe ich angstlos durch die Welt, so bleibt mir der Zweifel und das Misstrauen erspart. Gehe ich ohne Vertrauen und ohne diese Angstlosigkeit durch die Welt, so werden mir viele Wunder verborgen, aber auch manches Missgeschick erspart. Leben bedeutet vertrauen. Nicht zu vertrauen bedeutet nicht zu leben - zumindest für mich. Wer nicht vertraut, der existiert nur in seiner Angst und nur in seinem Zweifel. Sie nehmen das gesamte Sein in Anspruch und lassen keinen Platz für das Herzliche und überraschend Gute, das einem jederzeit und überall im Leben widerfahren kann. Ich wurde durch einen fremden Zweifel in meinem Vertrauen geprüft und kann mit Gewissheit sagen, dass ich mit meinem tiefen Vertrauen diese Prüfung bestanden habe und weiter meinen Weg in dem mir gegebenen Vertrauen gehen kann und gehen werde. Ich danke dem fremden Zweifel für seine List und seinen Argwohn an mir und meinem Vertrauen, weil ich mich selbst und meine Haltung durch die Handlung der Auseinandersetzung mit dem Zweifel mein Vertrauen prüfen und vertiefen konnte. Und mit dieser Offenbarung meines Innenlebens hoffe ich dich, als Leser oder Leserin zu inspirieren und ermutigen auch zu vertrauen und dein Vertrauen immer wieder von neuem durch den Zweifel prüfen... und deine Seele und dein Sein und Wirken wachsen und vertiefen zu lassen. Möge dein Weg gesegnet sein und mögest du Frieden im Vertrauen finden.

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