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Wenn der Airbag fürs Herz fehlt
Bild/Illu/Video: Alice Gabathuler

Wenn der Airbag fürs Herz fehlt

Diesem ebenso sinn- wie erbarmungslosen Tod im Film geht kein Wortwechsel voraus, es wird nichts gerufen, nichts geredet, nur kurz und heftig geschossen, der Held hat nicht einmal Zeit, seine eigene Waffe zu ziehen, er wird einfach abgeknallt. Eigentlich ist die Szene ja grandios, denn sie spielt sich genauso ab, wie sie sich auch im richtigen Leben abspielen könnte. Und genau deshalb hat sie mich derart gebeutelt. Sie war mir zu nah am echten Leben.


Nun ist dieses echte Leben weder ein Ponyhof noch ein Wunschkonzert. Es ist zuweilen mehr als nur hart und oft unerträglich. Ich weiss, dass wir viel aushalten müssen und Menschen tatsächlich viel mehr aushalten, als wir uns vorstellen können. Aber ich will mir diese erschütternden Lebensgeschichten weder in Filmen noch in Büchern antun, vor allem dann nicht, wenn es sich um wahre Geschichten handelt oder um Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen (ich habe zum Beispiel kein einziges Buch gelesen, das in einem Konzentrationslager spielt). Mir fehlt dafür der Airbag fürs Herz. Wenn ich es doch versuche, schluchze ich mich durch die Geschichte, manchmal so sehr, dass mir schlecht wird und mein Kopf vor Schmerzen fast explodiert. Wenn ich also um manche Geschichten einen weiten Bogen mache, ist das reiner Selbstschutz. Und ja, ich weiss, dass mir dadurch viele sehr gute Bücher und Filme entgangen sind und auch weiterhin entgehen.


Eines dieser entgangenen Bücher ist «Das Schicksal ist ein mieser Verräter», ein mehrfach preisgekröntes (übrigens auch verfilmtes) Jugendbuch, in dem der Tod allgegenwärtig ist. Ich habe es mir in einem Anfall von Wagemut gekauft und dann nie gelesen. Nun sass ich kürzlich in der Bibliothek Buchs, an einem Anlass, bei dem Leserinnen und Leser Bücher vorstellten, die sie besonders mögen. Eine junge Frau hatte «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» dabei. Sie drückte es an sich wie einen kostbaren Schatz, erzählte von der unheilbar krebskranken jungen Frau und ihrem ebenfalls kranken Freund und meinte, dieses Buch sei ihr absolutes Lieblingsbuch, eins, das man einfach gelesen haben müsse. Ich bin nach Hause gegangen und habe das Buch aus dem Regal geholt. Ich habe sogar die ersten paar Seiten gelesen. Sie sind tatsächlich genauso genial geschrieben, wie das alle immer sagen. Und jetzt … ja jetzt …


Wären wir alle zusammen auf Instagram würde ich vielleicht eine Umfrage starten: Soll ich das Buch lesen oder nicht.Ich bin ziemlich sicher, dass ich die Antwort auf diese fiktive Umfrage kenne. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wo ich einen Airbag fürs Herz finde.

Nachtrag: Beim Schreiben dieser Kolumne habe ich an mein eigenes Schreiben gedacht. Meine Bücher sind ja auch oft hart und unerbittlich, auch ich klammere den Tod nicht aus, das geht gar nicht. Und ja, manchmal weine ich beim Schreiben. Vor allem jedoch habe ich mir eine Grenze gesetzt, wie weit ich zu gehen bereit bin. Aber dazu erzähle ich ein anderes Mal mehr.

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