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Der Geburtsplan
Bild/Illu/Video: Pixabay

Der Geburtsplan

Sowas würde doch sowieso niemand berücksichtigen. Und als Erstgebärende hat man schliesslich keine Ahnung, was da auf einem zukommt. Ich liess so viele Fragen offen, dachte, es sei besser, dem ganzen Wunder der Geburt möglichst unvoreingenommen und offen gegenüber zu stehen, was nicht falsch war. Und dennoch wäre vielleicht einiges besser abgelaufen, wenn ich mich intensiver damit auseinandergesetzt hätte.


Schmerzmittel…

Dass es nicht nur eine PDA oder Lachgas gegen die Schmerzen unter der Geburt gibt, dämmerte mir erst, als ich während den Wehen immer wieder mit oralen Schmerzmitteln und Spritzen in den Po konfrontiert wurde. Kaum war die erste Stunde der Wehen vergangen, kam schon eine Schwester und bat mir eine Spritze gegen die Schmerzen an, damit ich noch bis zum Morgengrauen schlafen konnte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Wehen noch absolut auszuhalten für mich, und dennoch willigte ich dieser Spritze ein, weil ich auf die Schwester gehört hatte. Nicht auf meinen Körper. Ich hielt das Personal, die Ärzte für allwissend, und auf einem absolut höheren Niveau als mich selbst. Schliesslich würden sie eine Geburt besser verstehen als ich. Ich vertraute dem Personal meinen Körper und mein Baby an.


Schichten…

Hebammen arbeiten in Schichten, Ärzte auch. Niemand sollte das besser wissen, als ich selbst, da ich von einem Pflegeberuf komme. Doch was bedeutet das? Je mehr Zeit vergeht, umso öfter wechseln die Schichten des Personals. Bei mir waren es, sage und schreibe, drei verschiedene Hebammen. Jedes Mal musste ich mich auf eine neue, fremde Person einlassen, ihr meine Privatsphäre preisgeben, einer fremden Person. Ich zähle nicht unbedingt zu einer prüden Person, aber wenn es darum geht, den Stand der Gebärmutter kontrollieren zu lassen, hätte ich mir doch gewünscht, dass dies seltener und nicht durch so viele verschiedene Hände passiert wäre.

Ach ja, und es gibt immer Lehrlinge, Auszubildende, Studierende, die sich eine Geburt gerne ansehen. Ich willigte unter Wehen ein- weil mir sowieso schon alles egal war- dass ein Lehrling mal kurz ins Zimmer reinschauen darf. Dass dann plötzlich zwei auf Höhe meines nackten Po’s in der Türe standen und mir auf dem Schragen beim schreien zuhörten, fand ich alles andere als prickelnd. Doch hätte ich mich vorher tatsächlich auf diese Frage vorbereiten können?


Ärzte…

Bei ihnen ist es dasselbe, bei den Schichtwechseln. Ich erlebte eine studierende Ärztin, die mir einen Ultraschall machte, und mein Kind auf ein gewisses Gewicht schätzte. Dann kam ein zweiter Arzt dazu, welcher ein ähnliches Gewicht schätzte. Beide verschätzten sich um 500g. Kurz vor der Geburt kam nochmal einer ins Zimmer und redete vor mir mit der Hebamme über einen Kaiserschnitt, so als wäre ich nicht hier. Mich persönlich verunsicherten all diese verschiedenen Menschen ungeheuerlich. Dass die erste Geburt nicht selten länger als 10h dauert, und ich deshalb mit so vielen Leuten mit einer eigenen Meinung in Kontakt trat, während dieser einschneidendsten Zeit meines Lebens, war mir vorher einfach nicht bewusst.


Geräte, Infusionen, Schläuche, Gurte…

Die Herztöne werden angeschlossen, es piepst kontinuierlich, das Gerät spuckt Unmengen an Papier aus, während mein dicker Bauch mit Gurten und Kabel festgebunden war. Ich selber manchmal fast unbeweglich. Wenn man sich nicht eindeutig gegen diese Massnahmen entscheidet, kommt es automatisch dazu. In einem Spital. Unter den Wehen hätte ich mich gerne bewegt, andere Positionen ausprobiert, doch dass das nur bedingt möglich war, während die PDA durch die Schläuche in mich hineintropfte und die Herztöne meines Kindes gemessen wurden, war mir nur schleierhaft klar.


Es gibt noch einiges, was ich hier aufzählen könnte, vielleicht werde ich einen zweiten Teil dazu schreiben. Aber schaue ich heute zurück, hätte ich mir damals lieber mal die unzähligen Vorlagen im Internet zum Geburtsplan angesehen und darauf Punkte entdeckt, die ich im Voraus schon hätte abklären können, über die ich schon vorher hätte entscheiden dürfen und nicht unter der Geburt, während man so sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Für mich steht fest, dass ich womöglich 80% davon anders machen würde, bei meinem zweiten Kind. Dass tatsächlich so vieles planbar ist, was vielleicht nicht möglich scheint.


Denn man kann sich gegen eine Spritze entscheiden, gegen Lehrlinge die hereinschneien, gegen unnötige Untersuchungen, gegen helles Licht, gegen zu viele Menschen auf einmal im Raum, für beruhigende Musik, für einen Einlauf und so weiter…


Wir Frauen sollten nicht vergessen, dass wir sagen dürfen, was wir uns unter der Geburt wünschen. Kein Wunsch kann noch so ungewöhnlich sein. Dem Personal wird sogar Arbeit abgenommen, indem sie selbst gut auf uns durch unseren Geburtsplan vorbereitet werden. Sie meinen es nur gut, manchmal eben zu gut.

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