10 George 10 Maramber 10 Lange Nacht der Museun
«Wenigstens haben wir es nicht selber verbockt.»
Bild/Illu/Video: zVg

«Wenigstens haben wir es nicht selber verbockt.»

Der Albumtitel «Flamingo» klingt nach guter Laune, schönem Wetter und auch sommerlich. Versucht ihr damit eure Hörerschaft ein wenig zu trösten, da der diesjährige Sommer nicht gerade der Wahnsinn war?

Die Wahrheit ist, dass wir im letzten Sommer - welcher wirklich unglaublich schön war - einen Ausflug auf der Aare machten. Normalerweise setzt man sich dabei in ein Gummiboot und lässt sich während zwei Stunden von Thun nach Bern treiben. Wir hatten aber die glorreiche Idee, mit einem aufblasbaren übergrossen Flamingo diese Streck zu bewältigen. Das hat ganz schön für Aufsehen gesorgt und es sah recht super aus. Im Winter, als wir gerade am Album arbeiteten, sind wir über Fotos von diesem wilden Ritt gestolpert. Da wussten wir sofort, dass dies unser Albumtitel ist. Ausserdem finden wir Flamingos äusserst elegante und interessante Tiere.


Im Fernsehen habt ihr behauptet, dass ein Grossteil der Lieder bei euch zuhause aufgenommen wurde. Ich kann mich erinnern, dass ihr auch beim letzten Werk hoch in den Bergen oben aufgenommen habt. Welchen Einfluss haben die Aufnahmeorte auf eure Musik?

Mit der heutigen Aufnahmetechnik hat sich vieles vereinfacht und gleichzeitig neue Möglichkeiten geschaffen. Mit wenig, aber gutem Material sind Aufnahmen an fast jedem Ort möglich. Durch den Lockdown fielen die Konzerte aus und damit auch unsere finanziellen Möglichkeiten. Deshalb beschlossen wir, diese Zeit zu nutzen, um in unseren vier Wänden die neuen Songs aufzunehmen. Dadurch haben wir unser zu Hause nach 10 Jahren noch mal komplett neu entdeckt. Unser Badezimmer hat beispielsweise einen schampar guten Sound für Chorgesänge und in Anjas Büro klingen die Gitarren sehr toll. Zum Glück haben wir verständnisvolle Nachbarn und so war es uns möglich, unserem gewohnten Rhythmus nachzugehen und jeweils bis zum Sonnenaufgang aufzunehmen.


Werden normale Studios mit der Zeit langweilig?

Auch wir würden gerne in Zukunft mal wieder in ein grosses Tonstudio gehen, um unsere Musik zu recorden. Dies ist aber nur möglich, wenn wieder Normalität in unser Berufsleben zurückkehrt. Ohne die Konzerteinnahmen ist eine Produktion in einem solchen Studio für uns - als komplett unabhängige Band – sonst gar nicht möglich. (Und einen reichen Onkel aus Amerika haben wir bis jetzt noch keinen kennengelernt.) Aber zurück zur Frage. Der Ort und die Atmosphäre beeinflusst in unserem Fall aber definitiv unser kreatives Schaffen.


Ihr seid ja quasi ein Familienbetrieb. Wie schafft ihr das, dass es auch im privaten Bereich nicht immer nur um die Musik geht?

Da Musik unsere grosse Leidenschaft ist, dreht sich wirklich vieles um dieses Thema. Wir haben aber viele Freunde, welche mit Musik nichts am Hut haben und dadurch bespricht man in diesen Kreisen jeweils andere Themen. Ausserdem sind wir beide Personen, welche gerne zuhören und uns für andere Leute und deren Geschichten interessieren. Für uns ist es auch wichtig, ab und zu in die Berge und in die Natur zu gehen, das Handy auf Flugmodus zu schalten und durchzuatmen. Etwas, dass wohl jeder Mensch als Ausgleich braucht.


Findet Corona und die abgesagten Veranstaltungen auch statt auf eurem neuen Werk oder fokussiert ihr euch lieber auf die schönen Dinge im Leben?

Ganz ehrlich, diese ganze Situation hat keinen Song verdient. Wir glauben auch, dass niemand ein Lied über diese Zeit hören will. Aber trotzdem wurden wir natürlich von dieser Zeit beeinflusst und haben zum Beispiel Netflix fast leer geschaut und unser Sofa sehr häufig benutzt. Aber das ist im Fall kein Kuschelrock! Zu hören in unserer Single «Kuschelrock» auf dem neuen Album «Flamingo».


Wie hart hat euch die Pandemie damals getroffen?

Knallhart. Es war im ersten Moment ein Schock und etwas, was nie und nimmer jemand von uns erwartet hätte. Wir hatten die Pressekonferenz, welche den Lockdown verkündete, auf einem Migros-Parkplatz verfolgt. Danach gingen wir einkaufen. Als wir danach auf unsere Handys schauten, waren alle Konzerte und Jobs von 2020 abgesagt. Das war wirklich wie in einem dieser Hollywood-Filmen. Da wir aber versuchen, recht optimistisch durchs Leben zu gehen, sagten wir uns: «Wenigstens haben wir es nicht selber verbockt.» Da wir in der Vergangenheit immer jeden Rappen sauber abgerechnet hatten, bekamen wir relativ rasch eine Entschädigung. Klar haben auch wir durch die Konzert- und Jobabsagen Geld verloren, aber es reichte, um zu überleben. Wir haben diese Zeit bis jetzt gesund überstanden und das ist das Wichtigste.


Wie gross ist die Angst, dass es nochmals zu einem Lockdown für die Unterhaltungsbranche kommen könnte?

Die Angst ist auf jeden Fall vorhanden. Die vergangenen 18 Monaten haben gezeigt, dass man nicht wirklich eine Prognose machen kann, da wir dies alle zum ersten Mal durchmachen. Die Gesundheit unserer Mitmenschen steht bei uns ganz klar an erster Stelle. Wenn wir irgendetwas dazu beitragen können, dann machen wir das. Wir alle wünschen uns die Normalität zurück und wir hoffen, dass wir diese dann umso mehr zu schätzen wissen.


Seit 2010 veröffentlicht ihr in guter Regelmässigkeit Musik. Ist auf das nächstjährige Jubiläum etwas Spezielles geplant?

2020 war unser Jubiläumsjahr und wir hatten eine tolle Konzerttour mit vielen Highlights geplant. Eines davon fand am 1. Januar 2020 in Interlaken statt. Vor 28’000 Menschen spielten wir am Touch the Mountains unser bisher grösstes Konzert. Die Stimmung war super. Wir lagen uns nach dem Konzert in den Armen und stiessen auf unser Jubiläumsjahr an. Hätte man uns da gesagt, dass wir nach dieser Show eine so lange Zeit nicht mehr spielen dürfen, hätten wir das niemals geglaubt.


Auf eurer Webseite erwähnt ihr, wie cool ihr es findet, wenn die Leute noch CDs kaufen. Wie gross habt ihr den Umbruch hin zum Streaming in den vergangenen Jahren erlebt?

Häni: Ich bin seit 25 Jahren als Musiker tätig und habe noch die letzten glorreichen Jahre der CD erlebt. Es war damals aus verschiedenen Gründen etwas einfacher. Einerseits hat man für das Konsumieren von Musik in Form von CD-Verkäufen noch für die Musik Geld bezahlt, man hatte viel mehr Support von den Radios und Medien allgemein und die Festivals waren noch weniger monopolisiert, was das Booking angeht. Heute ist vieles anders. Aber nicht alles ist schlecht. Beispielsweise haben sich durch Social Media neue Plattformen ergeben. Durch das Internet kann man sich viele wichtige Information zusammensuchen und man braucht weniger Leute, um Musik auf den Markt zu bringen. Musikproduktionen sind durch die neue Technik etwas günstiger und Zusammenarbeiten mit Musikern aus dem Ausland sind auch einfacher geworden. Aufzuhören war für uns nie eine Option, da wir lieben, was wir tun und wir durch die vielen Feedbacks auch wissen, dass dies unsere Zuhörer:innen sehr schätzen. Es gibt aber schon Momente, in denen wir uns ein bisschen mehr Wertschätzung gegenüber uns Künstler:innen wünschen.


Trotzdem veröffentlicht ihr «Flamingo» in CD-Form und sogar noch in einer Fanbox. Muss man heute einfach mehr bieten, um die Leute zum Kauf von Musik zu animieren?

Heute kauft man nicht in erster Linie eine CD, sondern hilft mit einem Kauf den jeweiligen Künstler bzw. die jeweilige Künstlerin zu unterstützen. Es ist eine Art Respekt zu zeigen. Mit unserer CD Fanbox «Flamingo» wollen wir den Leuten ausserdem mit einem 152-seitigen Buch einen Blick hinter die Kulissen geben und aufzeigen, wie wir arbeiten und was es bedeutet, wenn man alles selbst macht. Also so wie wir, ohne Plattenfirma, ohne Booking-Agentur, ohne Management usw., zu arbeiten. Wir freuen uns über jede einzelne Bestellung und Wertschätzung gegenüber unserer Arbeit.


In der Fanbox befindet sich unter anderem auch ein Buch. Ist das schon ein erster Rückblick auf eure Karriere?

Es ist sicher ein kleiner Rückblick in Form von Fotos und den Songtexten der letzten 10 Jahren. Es ist aber in erster Linie ein Einblick in unser Schaffen und unser Leben. Wir geben darin schon recht viel persönliches preis und unterhaltsam ist das Buch auch noch.


Was sind so die grossartigsten Momente, die ihr als Band bisher erlebt habt?

Wir durften einige Highlights erleben. Auftritte im Hallenstadion, am Gurtenfestival, Heitere Open Air und sehr viele andere grosse und kleine Shows. Wir durften auch schon im Ausland spielen, was als Mundartband doch schon recht cool ist. Es ist immer eine grosse Freude, wenn wir mit unseren Instrumenten und unserer Live-Crew an einen Ort in der Schweiz fahren und wissen, jemand findet uns gut und hat uns für das Konzert gebucht. Das macht uns dann schon etwas stolz, da wir das alles ohne Plattenfirma, Management, Booking und ohne Marketing-Budget geschafft haben.


Wann kann man euch mal in der Region erleben?

Wir spielen am 16. Dezember 2021 im Trio in Bad Ragaz (Kultur im Ort). Natürlich freuen wir uns über jede Konzertanfrage aus dieser Region und wir kommen jederzeit gerne auch mit der kompletten 6-köpfigen Band, um mit euch eine HALUNKE Party zu feiern.

Themenverwandte Artikel

«Rio Amden Amsterdam» im Soundcheck
Bild/Illu/Video: zVg.

«Rio Amden Amsterdam» im Soundcheck

Nachgefragt bei Sina
Bild/Illu/Video: Pat Wettstein

Nachgefragt bei Sina

Philipp Fankhauser und das «Dranbleiben»
Bild/Illu/Video: Adrian Ehrbar

Philipp Fankhauser und das «Dranbleiben»

Nachgefragt bei Adrian Stern
Bild/Illu/Video: zVg.

Nachgefragt bei Adrian Stern

Jaël veröffentlicht Kinderalbum auf Berndeutsch
Bild/Illu/Video: zVg

Jaël veröffentlicht Kinderalbum auf Berndeutsch

Empfohlene Artikel